Unser Kollege Samuel Arnold hat das Amazonasgebiet besucht. Ein Gespräch über die Not der Kinder, die Stärke lokaler Gemeinschaften und die Bedeutung langfristiger Hilfe.

«Das Mittagessen.» So antwortete ein Kind im brasilianischen Amazonasgebiet auf die Frage, was ihm an der Schule am besten gefalle. 

Ein Satz, der unseren Kollegen Sämi nicht mehr loslässt. Im September 2026 besuchte er für World Vision Schweiz und Liechtenstein das Amazonas-Projekt, sprach mit indigenen Familien und tauschte sich mit den Mitarbeitenden vor Ort aus. Er erlebte eine Region von atemberaubender Schönheit – und hörte von Lebensbedingungen, die ihn als Vater zweier kleiner Kinder tief berührten. 

Seine Reise hat ihn in einer Überzeugung bestärkt: «Es ist absolut richtig, dass wir dort sind!» 

Quellen: WWF (Amazon Facts; Living Amazon Strategy), OECD (Economic Surveys: Brazil 2023). Angaben zur Fläche beziehen sich auf das Amazonas-Biom, zur Bevölkerung auf die Amazonasregion.

Lieber Sämi, was beschäftigt dich am meisten, wenn du an deine Reise zurückdenkst? 

Menschen aus verschiedenen Gemeinschaften, Freiwillige, lokale Gesundheitsfachkräfte und unsere Teams berichteten unabhängig voneinander von Kindern und Jugendlichen, die keine Perspektive mehr sahen und sich das Leben genommen haben. Wie kann es so weit kommen, dass schon Kinder keinen Ausweg mehr sehen? Diese Frage lässt mich als Vater zweier kleiner Kinder nicht los. 

Gab es eine Begegnung, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Im Gespräch fragte ich ein Kind, was ihm an der Schule am besten gefalle. Seine Antwort war: «Das Mittagessen.» Dieser eine Satz sagt viel über den Alltag mancher Kinder. 

Was hat diese Antwort bei dir ausgelöst?

Sie hat mir nochmals vor Augen geführt, wie unterschiedlich Kinder aufwachsen. Für uns ist die Schule vor allem ein Ort des Lernens, der Freundschaften und der persönlichen Entwicklung. Für manche Kinder im Amazonasgebiet kann eine Mahlzeit dort genauso wichtig sein. Das zeigt, wie eng Bildung, Ernährung und die Lebensbedingungen einer Familie miteinander verbunden sind. 

«Vertrauen ist entscheidend» 

Was ist die bei der Arbeit von World Vision vor Ort aufgefallen?

Wie entscheidend Vertrauen ist. Viele Gemeinschaften sind schwer erreichbar. Unsere lokalen Teams bestehen aus Menschen, die selbst aus der Region stammen. Sie kennen die Lebensrealitäten der Gemeinschaften und setzen sich dafür ein, in ihrer Heimat etwas zu verändern. So können sie auch dort helfen, wo andere kaum Zugang finden. 

Warum ist gerade diese Nähe zu den Menschen so wichtig?

Weil nachhaltige Veränderungen nicht von aussen verordnet werden können. Man muss verstehen, was die Familien beschäftigt, welche Herausforderungen sie erleben und was sie sich für ihre Kinder wünschen. Unsere Kolleginnen und Kollegen bringen dieses Verständnis mit. Sie arbeiten nicht einfach für die Menschen, sondern gemeinsam mit ihnen. 

Was hat dich trotz der schwierigen Lebensbedingungen zuversichtlich gemacht?

Zu sehen, wie engagiert unsere Kolleginnen und Kollegen und die Freiwilligen mit den Gemeinschaften zusammenarbeiten. Auch die enge Zusammenarbeit mit den Institutionen vor Ort gibt mir Zuversicht. Veränderung braucht Zeit. Aber sie beginnt damit, dass jemand zuhört und dranbleibt. 

«Es geht um die Zukunft der Kinder – und um ihre Lebensgrundlagen» 

Woran denkst du heute, wenn du Amazonien hörst?

Zum einen an den Regenwald. An diese atemberaubende, schützenswerte Natur, die für unser Weltklima so wichtig ist. Zum anderen an die Kinder, die dort aufwachsen – und daran, wie viel sich für sie noch verändern muss. 

Wie hängen der Schutz des Regenwaldes und die Zukunft der Kinder zusammen?

Für viele indigene Familien sind die Wälder und Flüsse weit mehr als ihre Umgebung. Sie sind Lebensgrundlage, Nahrungsquelle und Teil ihrer kulturellen Identität. Wenn diese Lebensgrundlagen bedroht sind, hat das unmittelbare Folgen für die Familien. Deshalb müssen wir die Bedürfnisse der Kinder immer auch im Zusammenhang mit ihrer Umwelt sehen. 

Mich beunruhigt, dass manche Gemeinschaften auf das Klimaphänomen El Niño kaum vorbereitet wirken und wichtige Informationen sie nicht erreichen. Es kann je nach Region Dürren oder Überschwemmungen verstärken – und damit die Lebensgrundlage vieler Familien bedrohen. 

Nach deiner Reise hast du gesagt: «Es ist absolut richtig, dass wir dort sind!» Was meinst du damit?

Weil ich gesehen habe, wie gross die Herausforderungen sind – aber auch, wie wichtig unsere Arbeit vor Ort ist. Kinder brauchen Schutz, Familien brauchen Perspektiven. Und gerade in abgelegenen Gemeinschaften braucht es Menschen, die langfristig an ihrer Seite bleiben. Unsere lokalen Teams schaffen dafür eine wichtige Grundlage. 

Mehr Kinder erreichen – langfristig etwas verändern 

Bereits rund 200 Spenderinnen und Spender aus der Schweiz und Liechtenstein engagieren sich mit einer Kinderpatenschaft langfristig für Kinder und ihre Familien im brasilianischen Amazonasgebiet. 

Doch viele weitere Kinder wachsen unter schwierigen Bedingungen auf. Deshalb möchte World Vision Schweiz und Liechtenstein seine Arbeit 2027 ausweiten und zusätzliche Gemeinschaften erreichen. 

Eine Kinderpatenschaft steht dabei für mehr als die Unterstützung eines einzelnen Kindes: Sie trägt dazu bei, gemeinsam mit Familien und Gemeinschaften Bedingungen zu schaffen, unter denen Kinder geschützt aufwachsen, lernen und ihre Zukunft selbst gestalten können. 

Mehr über unser Engagement in Amazonien erfahren.