Der Krieg in der Ukraine jährt sich zum vierten Mal. Eine ganze Generation von Kindern kennt kaum noch ein Leben ohne Sirenen, Abschiede und Angst. Ein Meinungsbeitrag von Arman Grigoryan, Leiter des World Vision-Hilfseinsatzes in der Ukraine.

Dies ist der vierte Winter des Krieges. Es ist drei Uhr morgens in Kiew, und die Stadt erwacht erneut vom Klang der Explosionen. Nachdem die Luftschutzsirenen gegen ein Uhr verstummt waren, gab es kaum zwei Stunden unruhigen Schlaf, bevor die Angriffe wieder begannen.

Für die meisten Kinder in der Ukraine kam der Krieg nicht als einzelnes traumatisches Ereignis mit einem klar definierten Beginn. Er entwickelte sich allmählich, verankerte sich im Alltag und prägte von klein auf ihr Verständnis von Sicherheit, Routine und Beziehungen.

Viele der Kinder, die ich heute treffe, waren Kleinkinder, als der Krieg begann – andere waren noch nicht einmal geboren. Das bedeutet, dass sie nie ein Leben ohne unterbrochenen Schlaf, plötzliche Abschiede oder die stille Anspannung von Erwachsenen erlebt haben, die Entscheidungen über Evakuierung, Trennung oder Überleben treffen müssen.

Kinder entwickeln sich am besten, wenn sie sich sicher fühlen. Sicherheit wiederum hängt von der verlässlichen Anwesenheit von Bezugspersonen und einer vertrauten Umgebung ab. Der Krieg zerstört diese Grundlage: Väter gehen an die Front, Familien werden zur Trennung gezwungen, Häuser beschädigt oder zerstört. Wenn die Menschen, die Schutz geben sollen, abwesend sind – oder zwar körperlich zurückkehren, sich aber emotional verändert haben –, verschiebt sich etwas Grundlegendes. Kinder lernen nicht nur, dass die Welt unvorhersehbar ist, sondern auch, dass Nähe nicht selbstverständlich ist.

Kinder erschraken bei gewöhnlichen Geräuschen, Jugendliche sprachen mit der Ernsthaftigkeit von Erwachsenen – nicht, weil sie besonders reif waren, sondern weil anhaltende Angst ihre Fähigkeit zu fühlen, sich auszudrücken und Erlebtes zu verarbeiten, eingeschränkt hatte.

Als ich vor drei Jahren zu World Vision in der Ukraine kam, wurden diese Auswirkungen im täglichen Miteinander immer deutlicher. Kinder erschraken bei gewöhnlichen Geräuschen, Jugendliche sprachen mit der Ernsthaftigkeit von Erwachsenen – nicht, weil sie besonders reif waren, sondern weil anhaltende Angst ihre Fähigkeit zu fühlen, sich auszudrücken und Erlebtes zu verarbeiten, eingeschränkt hatte. Das sind keine vereinzelten Verhaltensweisen oder individuellen Schwächen. Es sind erwartbare Reaktionen auf dauerhaften Stress. Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigte, dass die Hälfte der ukrainischen Kinder im Alter von 13 bis 15 Jahren unter anhaltenden Schlafstörungen leidet, während jedes fünfte Kind von Gewalterinnerungen oder Flashbacks berichtet – deutliche Anzeichen psychischer Belastung und möglicher Traumatisierung.

Die Schäden an der psychischen Gesundheit der Kinder jedoch hinterlassen keine Trümmer, die sich wegräumen lassen. Sie sammeln sich im Laufe der Zeit still an, wie Sedimente am Grund eines Flusses

Die physischen Zerstörungen des Krieges sind sofort sichtbar – Häuser, die zu Trümmern geworden sind, Spielplätze voller Krater, zerstörte Schulen. Die Schäden an der psychischen Gesundheit der Kinder jedoch hinterlassen keine Trümmer, die sich wegräumen lassen. Sie sammeln sich im Laufe der Zeit still an, wie Sedimente am Grund eines Flusses, und beeinträchtigen allmählich die Klarheit des Denkens, die Handlungsfähigkeit und die emotionale Regulation.

„Mein Vater ist in den Krieg gezogen und kommt nur selten zurück. Ich vermisse ihn sehr“, erzählte mir die neunjährige Diana in einem von World Vision unterstützten Kinderschutzzentrum in Dnipro. Ihre Worte spiegeln eine Realität wider, die unzählige Kinder teilen: Trennung ist für sie kein Ausnahmezustand, sondern Dauerzustand – mit bleibenden psychischen Folgen.

Die Auswirkungen dieses Krieges auf die psychische Gesundheit von Kindern, Familien und Gemeinschaften werden noch lange nach dem Ende der aktiven Kampfhandlungen spürbar sein. Ein unbehandeltes Trauma löst sich nicht von selbst auf. Es prägt Beziehungen, beeinträchtigt die körperliche und seelische Gesundheit und beeinflusst den sozialen Zusammenhalt über Jahre hinweg.

Wir unterstützen – auch mit Spenden aus der Schweiz – den Betrieb sicherer, kinderfreundlicher Räume zum Spielen und Lernen.

World Vision arbeitet mit lokalen Partnern zusammen, um insbesondere vertriebenen Kindern Stabilität zu geben und ihnen heilsame Erfahrungen zu ermöglichen. Wir unterstützen – auch mit Spenden aus der Schweiz – den Betrieb sicherer, kinderfreundlicher Räume zum Spielen und Lernen. Im Winter sind diese Orte zugleich Schutzräume zum Aufwärmen, an denen Kinder Freunde treffen können, statt einsam in kalten Wohnungen zu sitzen. Ergänzt wird dieses Angebot durch gezielte humanitäre Hilfe für Familien in besonderen Notlagen, durch psychologische Erste Hilfe sowie durch mobile Teams mit Fachkräften, die Kinder und Familien in abgelegenen und schwer zugänglichen Gebieten erreichen.

Vier Jahre sind eine lange Zeit, um in Angst zu leben. Für ein Kind ist es viel zu lang.

Hilfe zu den am stärksten gefährdeten Menschen zu bringen, ist gefährlicher und schwieriger geworden: Drohnenangriffe nehmen zu, Gebiete sind vermint, Einrichtungen zerstört, Kommunikationsverbindungen unterbrochen. Im Jahr 2025 wurden acht humanitäre Helferinnen und Helfer bei ihrer Arbeit in der Ukraine getötet, 47 weitere verletzt. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass das kommende Jahr sicherer sein wird. Dennoch bleibt unsere Aufgabe unverändert: Kinder zu schützen, ihre Genesung zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass Hoffnung nicht ein abstraktes Ideal bleibt, sondern eine gelebte Erfahrung – geprägt von Sicherheit, Fürsorge und Kontinuität.

Denn Hoffnung ist – wie Sicherheit – etwas, das Kinder durch Erfahrung lernen.

Spendenmöglichkeit: Hilfe für Ukraine – World Vision