Nach Konflikt und Vertreibung brauchen Kinder in Nordäthiopien mehr als Unterricht. Sichere Lernorte, Spiel und die Unterstützung ihrer Gemeinschaft helfen ihnen, wieder Vertrauen zu fassen und mit Hoffnung nach vorne zu blicken.

Als die Kämpfe in Nordäthiopien nachliessen, konnten viele Kinder nicht einfach in ihr früheres Leben zurückkehren. Monate voller Angst, Flucht und Unsicherheit hatten Spuren hinterlassen. Manche waren mit ihren Familien vertrieben worden. Andere hatten lange keine Schule besuchen können. Viele wussten nicht, ob ihre Freunde noch da waren oder ob ihr Schulhaus überhaupt noch existierte.

Beschädigte Schulgebäude, geflohene Lehrpersonen und wiederholte Vertreibungen erschwerten den Neustart. Doch neben all diesen sichtbaren Folgen stellte sich eine andere, ebenso wichtige Frage:

Wie können Kinder nach allem, was sie erlebt haben, wieder Vertrauen fassen und Freude am Lernen finden?

In den Regionen Afar und Amhara suchte World Vision Äthiopien gemeinsam mit den Gemeinden nach Antworten. Dabei zeigte sich schnell: Kinder brauchen nach einer Krise nicht nur Unterricht. Sie brauchen Orte, an denen sie sich sicher fühlen, Beziehungen, auf die sie vertrauen können, und Menschen, die ihnen Mut machen.

Kinder finden wieder Zugang zum Lernen

Im Distrikt Chifra in der Region Afar wurde das Programm «Unlock Literacy» an die schwierigen Bedingungen angepasst.

Die Zahl der Leseclubs wurde verdoppelt. Dadurch mussten die Kinder keine langen und oft unsicheren Wege zurücklegen, um lernen zu können. Stattdessen entstanden Lernorte näher bei ihren Familien und Gemeinschaften.

Mobile Bücherstände brachten Geschichtenbücher dorthin, wo Kinder sie brauchten. Viele der Bücher wurden in die lokale Sprache übersetzt. Für die Kinder waren die Geschichten dadurch leichter verständlich und spiegelten ihre eigene Lebenswelt wider.

Doch während die Kinder wieder zu lesen begannen, wurde deutlich, dass sie mehr brauchten als Bücher und Unterricht.

Vier Schulkinder in Äthiopien lesen in Geschichtenbüchern von World Vision.

Ein Ort, an dem Kinder einfach wieder Kind sein dürfen

Viele Kinder trugen unsichtbare Wunden mit sich. Einige waren still geworden und zogen sich zurück. Andere reagierten mit Wut oder Misstrauen. Nach Monaten voller Unsicherheit fiel es ihnen schwer, sich auf Neues einzulassen.

Deshalb wurde die psychosoziale Unterstützung eng mit den Lernangeboten verbunden. Lehrpersonen, Betreuungspersonen, Eltern und Schulleitungen lernten, Kinder traumasensibel zu begleiten und ihnen Sicherheit zu vermitteln.

Die Leseclubs wurden zu Orten, an denen Kinder nicht nur lesen und rechnen lernten. Sie spielten Fussball, sangen Lieder, erzählten Geschichten und lachten miteinander. Für viele war dies das erste Mal seit langer Zeit, dass sie sich wieder unbeschwert fühlen konnten.

Ein Mädchen beschrieb den Leseclub als «einen sicheren Ort», an dem es spielen, Fragen stellen und ohne Angst lernen könne.

Für Kinder, die Gewalt, Vertreibung und Unsicherheit erlebt haben, ist dieses Gefühl von Sicherheit oft der erste Schritt zurück in einen normalen Alltag.

Auch die Fortschritte beim Lernen wurden sichtbar. Ein Junge erzählte, dass er vor seiner Teilnahme weder richtig zählen noch einfache Rechenaufgaben lösen konnte. Durch die Spiele und gemeinsamen Aktivitäten gewann er Schritt für Schritt Selbstvertrauen. Schliesslich begann er sogar, anderen Kindern beim Lernen zu helfen.

Kinder in Aethiopien sind bereit fürs Fussballspiel

Gemeinschaften halten Bildung am Leben

Auch in Nord-Gondar wurde das Programm an die Folgen der Krise angepasst. Ziel war es, Kindern zu helfen, den verlorenen Lernstoff aufzuholen und den Anschluss an die Schule wiederzufinden.

Eine entscheidende Rolle spielten Menschen aus den Gemeinden selbst. Lokale Betreuungspersonen führten die Lernangebote auch dann weiter, wenn die Sicherheitslage Besuche von World Vision Mitarbeitenden unmöglich machte.

So blieb Bildung selbst in schwierigen Zeiten erreichbar. Gleichzeitig sorgten Schulen, Behörden und Gemeinschaften gemeinsam dafür, dass die Kinder kontinuierlich begleitet wurden.

Kinder gewinnen Hoffnung zurück

Die Veränderungen waren nicht nur in den Lernergebnissen sichtbar. Viele Kinder lasen, schrieben und rechneten besser als zuvor. Gleichzeitig beobachteten Eltern, Lehrpersonen und Betreuungspersonen etwas anderes:

Die Kinder meldeten sich wieder im Unterricht. Sie beteiligten sich stärker an gemeinsamen Aktivitäten. Sie trauten sich, Fragen zu stellen, neue Dinge auszuprobieren und Verantwortung zu übernehmen.

Kurz gesagt: Sie begannen wieder, an sich selbst zu glauben.

Trotzdem bleiben die Herausforderungen gross. Überfüllte Klassen, fehlende Schulmaterialien und begrenzte Ausbildungsmöglichkeiten für Lehrpersonen erschweren den Alltag. Besonders Mädchen, die im Haushalt helfen müssen, und Kinder aus nomadisch lebenden Familien können oft nicht regelmässig am Unterricht teilnehmen.

Zwei Mädchen in Aethiopien lesen in Gechichtenbüchern von World Vision.

Lernen braucht mehr als ein Klassenzimmer

Die Erfahrungen aus Nordäthiopien zeigen, dass Bildung nach einer Krise weit mehr bedeutet als die Wiedereröffnung von Schulen.

Kinder brauchen Menschen, die ihnen zuhören. Orte, an denen sie sich sicher fühlen. Gemeinschaften, die sie tragen und unterstützen. Erst dann können sie wieder lernen, wachsen und eine Perspektive für ihre Zukunft entwickeln.

In Nordäthiopien begann das Lernen nicht wieder, weil plötzlich alles sicher war.

Es begann wieder, weil Gemeinschaften, Lehrpersonen und lokale Partner sich entschlossen, die Kinder nicht allein zu lassen. Gemeinsam schufen sie Orte der Sicherheit, des Lernens und der Hoffnung.

 

Originaltext und Bilder: Charbel Chidiac, World Vision International

Was Sie tun können

Mit einer Patenschaft für Kinder in Not tragen Sie dazu bei, dass Kinder auch in Krisengebieten einen sicheren Ort zum Lernen finden. Sie helfen ihnen, Bildung nachzuholen, schwierige Erlebnisse zu verarbeiten und Schritt für Schritt neues Vertrauen in ihre Zukunft zu gewinnen.