Ein Meinungsbeitrag von James East, Director of Emergency Communications bei World Vision.

„George, nenn das Pferd doch George“, sagte ich.

Wir standen vor Abdulrahmans Strohhütte in einem Vertriebenenlager in Darfur. „In Sudan geben wir Tieren keine Namen“, lachte er. „Also sag du mir – wie soll ich es nennen?“ Wir lachten beide. Ein kurzer Moment der Leichtigkeit – inmitten einer Realität, die kaum auszuhalten ist.

Kurz zuvor hatten wir in seiner Hütte gesessen und zugehört. Abdulrahman erzählte, wie er mit seiner zehnköpfigen Familie vor den Kämpfen geflohen war. Er war Erdnussbauer gewesen, baute Sorghum, Hirse und Sesam an. Dann erreichte der Krieg seine Heimatstadt Nyala. Er floh mit kaum mehr als dem, was er tragen konnte. Bewaffnete Männer verlangten Geld, das er nicht hatte.

Er wurde geschlagen, erniedrigt – und musste mitansehen, wie andere vergewaltigt wurden. „Manche Dinge sind psychisch kaum zu ertragen“, sagte er.

Fast drei Jahre sind vergangen, seit der Konflikt Sudan zerrissen hat. Ein Land, das einst als potenzielle „Kornkammer Afrikas“ galt – reich an Ressourcen und einer der weltweit grössten Produzenten von Erdnüssen. Heute sind über 30 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen, mehr als 12 Millionen auf der Flucht.

Die Ironie ist bitter: Hilfsorganisationen importieren erdnussbasierte Spezialnahrung, um Kinder zu retten – in einem Land, das einst selbst Erdnüsse exportierte.

Auf meinen Reisen durch Ost-Darfur hörte ich immer wieder ein Wort, das wie „Mafia“ klang. „Das ist nicht ‚Mafia‘, sondern ‚mafi‘ – das bedeutet: nichts.“ Das ergab Sinn. Überall sagten die Menschen: „Wir haben nichts.“

Ich bin hier, um auf den Sudan aufmerksam zu machen – eine der grössten humanitären Krisen der Welt, die dennoch kaum sichtbar ist.

Andere Themen dominieren die Schlagzeilen. Und der Sudan droht zur vergessenen Krise zu werden.

Ein Kollege fragte sich, ob er die Fähigkeit zu weinen verloren habe. Er sieht täglich, was uns erschüttert: Menschen, die um Essen, Wasser und Hilfe bitten. Familien, die erschöpft im Staub liegen. Kinder ohne Schutz. Anhaltendes Leid stumpft ab – und raubt die Hoffnung auf Veränderung.

Wir besuchten ein Spital, das vor wenigen Wochen durch einen Drohnenangriff zerstört wurde. 84 Menschen wurden getötet. Ein Arzt führte uns in einen Raum, in dem alle Patientinnen und Patienten gestorben waren. Selbst Orte der Heilung sind nicht mehr sicher.

In einem Gesundheitszentrum messen Freiwillige den Ernährungszustand von Kindern.

Rot bedeutet: Ohne Hilfe wird das Kind in wenigen Tagen sterben.

Mütter füttern ihre Kinder mit spezieller Erdnusspaste – oft ihre letzte Chance. Doch es gibt zu wenige solcher Zentren. Kinder sterben – oft unsichtbar. Nicht nur an Hunger, sondern auch an Krankheiten wie Cholera, Lungenentzündung und Durchfall. Viele Programme sind bereits verschwunden.

Diejenigen, die bleiben, sind oft die letzte Lebenslinie für Hunderttausende Kinder. Die meisten Helferinnen und Helfer sind lokale Mitarbeitende. Sie arbeiten unter enormem Druck – und bleiben.

Ich denke an den Arzt im zerstörten Krankenhaus und frage ihn: „Werden Sie das Land verlassen?“ Er antwortet ruhig: „Nein. Das sind meine Leute. Wie könnte ich gehen?“

 

Hilfe für Sudan – World Vision