Mit einem Putzeimer in der Hand steht Makrama vor einer Schule, die bald wieder Kinder empfangen wird. Noch vor wenigen Monaten hätte sich die 13-Jährige kaum vorstellen können, einmal selbst etwas in ihrer Gemeinschaft zu verändern — geschweige denn in einem ihr fremden Dorf.
Makrama lebt mit ihren Eltern und vier Geschwistern in einer ländlichen Gegend im Nordosten Syriens. Ihr Vater arbeitet als Tagelöhner und ist der einzige Ernährer der Familie. Mit seinem bescheidenen Einkommen fällt es der Familie schwer, die täglichen Ausgaben für Lebensmittel, Kleidung und Schulmaterial zu decken.
Lange Zeit beschränkte sich Makramas Welt hauptsächlich auf ihr Zuhause und die Schule. «Früher ging ich nicht oft nach draussen, und es gab vieles, das ich nicht wusste», erzählt sie.
Lernen, Frieden mitzugestalten
Das begann sich zu ändern, als sie im Rahmen eines World Vision-Projekts an Aktivitäten zur Friedensförderung teilnahm.
Gemeinsam mit über hundert anderen Jugendlichen beschäftigte sie sich im Rahmen des Lehrplans «Path of Peace» mit Themen wie Frieden, sozialem Zusammenhalt und der Frage, wie junge Menschen selbst Verantwortung in ihren Gemeinschaften übernehmen können.
Nach und nach entdeckte Makrama, dass ihre Meinung zählt und dass auch sie etwas bewirken kann.
Vom Lernen zum Handeln
Doch das Gelernte blieb nicht im Klassenzimmer.
Im Juni wurden zwei Friedensclubs gegründet: einer mit 20 Mädchen und einer mit 20 Jungen. Bei regelmässigen Treffen planen und organisieren sie freiwillige Aktivitäten für ihre Gemeinschaften.
«Die Aktivitäten beschränkten sich nicht auf die Einheiten. Die Ideen der Teilnehmenden wurden in freiwillige Initiativen umgesetzt, die der Gemeinschaft zugutekamen», erklärt Ismail Al-Hamad, der Betreuer der Gruppe.
Mit grossem Engagement reinigten die Jugendlichen bereits eine örtliche Moschee und eine Schule. Kurz vor Beginn des neuen Schuljahres beteiligte sich Makrama an einer weiteren Aktion in einem Dorf ausserhalb des Projektgebiets. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen half sie dabei, eine Schule für die Rückkehr der Kinder vorzubereiten.
Wenn Gemeinschaften zusammenkommen
Was als Reinigungsaktion begann, entwickelte sich zu einer Begegnung zwischen Menschen aus verschiedenen Gemeinschaften.
Gemeinsam bereiteten sie einen einladenden Ort für die Kinder vor, die nach den Ferien wieder in die Schule zurückkehren würden. Gleichzeitig entstanden neue Kontakte und Beziehungen.
Für Makrama wurde dabei greifbar, was sie zuvor über Zusammenarbeit und Frieden gelernt hatte. Besonders wertvoll war, dass die Jugendlichen ihr Engagement aus eigener Initiative auch über das Projektgebiet hinaus trugen. Sie lernten neue Menschen kennen und erfuhren aus erster Hand, wie viel gemeinsames Handeln bewirken kann.
Aus Ideen wird Veränderung
Das Engagement der Jugendlichen hat weitere Entwicklungen angestossen.
Mehrere Gemeinschaftsinitiativen wurden bereits ausgewählt und gemeinsam mit Partnerorganisationen weiterentwickelt. An zwei Projekten wird derzeit gearbeitet.
Im Rahmen des Projekts «Our Spaces are Safe and Green» wird ein öffentlicher Park erneuert. So entsteht ein sicherer Ort, an dem Kinder aus den umliegenden Dörfern spielen, lernen und Zeit miteinander verbringen können.
Das Projekt «Bridges of Love» wiederum setzt eine baufällige Brücke zwischen zwei Dörfern instand. Dadurch können Schulkinder ihren Schulweg künftig sicherer zurücklegen.
Was sich für Makrama verändert hat
Auch Makrama selbst hat sich verändert.
Das Mädchen, das früher nur selten nach draussen ging, tritt heute selbstbewusster auf. Sie bringt ihre Ideen ein, arbeitet mit anderen zusammen und erlebt, dass sie einen positiven Beitrag leisten kann.
Das Projekt stärkte Makrama und ihre Familie auf mehreren Ebenen. Während Makrama neue Fähigkeiten entwickelte und Verantwortung übernahm, erhielt die Familie ein Jahr lang regelmässig Lebensmittelpakete mit Grundnahrungsmitteln wie Reis, Zucker, Öl und Mehl. Dadurch wurde ihr Vater bei der Versorgung der Familie entlastet.
Für Makrama sind Frieden und Zusammenhalt heute keine abstrakten Begriffe mehr. Frieden kann eine Schule sein, die für Kinder vorbereitet wird. Oder eine Brücke, die Dörfer verbindet. Frieden kann auch ein Park sein, in dem Kinder gemeinsam spielen.
Und manchmal beginnt Veränderung mit etwas ganz Einfachem: einer guten Idee und jungen Menschen, die bereit sind, Verantwortung für ihre Gemeinschaft zu übernehmen.
Originaltext und Fotos: Joanna Zreineh, World Vision International
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