Nirpa Dhami, Supply Chain & Administration Manager bei World Vision in Nepal, kennt diese Herausforderung aus eigener Erfahrung. Er war bereits nach dem schweren Erdbeben von 2015 im Einsatz. Die aktuelle Katastrophe zeigt erneut, warum wirksame Nothilfe lange vor einer Katastrophe beginnt – mit guter Vorbereitung, lokalen Partnerschaften und funktionierenden Lieferketten.
Wenn Hilfsgüter vorhanden sind – aber nicht ankommen
Am 26. August 2026 löste eine Eis- und Felslawine nahe dem Lhende River schwere Sturzfluten entlang des Bhote-Koshi-Trishuli-Korridors aus. Besonders betroffen waren Rasuwa und Nuwakot.
Wasser, Schlamm und Geröll zerstörten Häuser und Lebensgrundlagen, Strassen und Brücken wurden weggespült. Ganze Gebiete waren plötzlich nur noch schwer oder gar nicht mehr erreichbar.
Statistiken und Satellitenbilder zeigen das Ausmass einer solchen Katastrophe. Ihre tatsächlichen Folgen zeigen sich jedoch im Leben der Menschen: Kinder verlieren ihr Zuhause, Eltern versuchen sie zu schützen, während Strassen unpassierbar und wichtige Dienstleistungen unterbrochen sind. Dringend benötigte Hilfe kann die betroffenen Orte nur schwer erreichen.
Eine erste Analyse des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen schätzt, dass die Fluten in den untersuchten Gebieten mindestens 2,2 Millionen Tonnen Trümmer hinterlassen haben.
Gerade in Rasuwa und Nuwakot bleibt der Zugang schwierig. Einige Gebiete sind nur per Helikopter erreichbar. Deshalb wurde Anfang September der «Logistics & Telecommunications Cluster» aktiviert. Er unterstützt Hilfsorganisationen unter anderem mit gemeinsamer Logistik, Lagerkapazitäten und Lufttransporten.
Diese Arbeit ist von aussen kaum sichtbar. Doch funktionierende Lager, Transportwege und koordinierte Lieferungen sind entscheidend dafür, dass Lebensmittel, sauberes Wasser, Notunterkünfte und andere Hilfsgüter Familien rechtzeitig erreichen.
Für mich weckt die aktuelle Katastrophe Erinnerungen an das schwere Erdbeben von 2015. Für viele nepalesische Logistikfachleute – mich eingeschlossen – wurde die damalige Nothilfe zu einem unerbittlichen Lehrmeister.
Was Nepal aus dem Erdbeben von 2015 gelernt hat
Drei Erkenntnisse sind besonders wichtig geblieben.
Erstens braucht es gut ausgebildete Fachkräfte im Land. In einer grossen Katastrophe müssen Beschaffung, Transport, Lagerhaltung und Verteilung sofort und in grossem Umfang organisiert werden können. Internationale Expertise bleibt wertvoll, doch nachhaltige Nothilfe braucht nationale Kapazitäten, die unmittelbar mobilisiert werden können.
Zweitens darf die Vorbereitung nicht erst beginnen, wenn eine Katastrophe eingetreten ist. 2015 wurden viele Beziehungen zu Lieferanten erst aufgebaut, als der Bedarf bereits dringend war. Das führte zu Verzögerungen – genau dann, wenn betroffene Menschen auf Hilfe warteten.
Drittens braucht es einen verlässlichen Überblick über Hilfsgüter und Bedarf. Fragmentierte Systeme erschweren es, Bestände zu verfolgen und ein genaues Bild der Nothilfe zu erhalten. Was nach einem technischen Logistikproblem klingt, hat sehr reale Konsequenzen.
Gute Vorbereitung spart im Ernstfall Zeit
In den vergangenen zehn Jahren hat World Vision in Katastrophenvorsorge, lokale Partnerschaften, Ausbildung und Technologie investiert. Als die Sturzfluten 2026 Rasuwa und Nuwakot trafen, konnte auf eben diesen Vorbereitungen aufgebaut werden.
Eine wichtige Rolle spielen lokale Unternehmen. Sie kennen die Gegebenheiten, verfügen über lokale Netzwerke und sind in den Gemeinschaften verankert, die besonders von Katastrophen bedroht sind. GPS-Tracking wiederum hilft, Transportwege und Sicherheitsrisiken im Blick zu behalten und alternative Routen zu identifizieren, wenn Strassen und Brücken beschädigt sind.
Doch die aktuellen Überschwemmungen zeigen auch die Grenzen jeder Vorbereitung: Hilfsgüter allein reichen nicht, wenn die Zugangswege zu den betroffenen Menschen zerstört sind.
Nur wenige Wochen vor den Überschwemmungen hatte World Vision Nepal gemeinsam mit Partnern eine Studie zur Katastrophenvorsorge und humanitären Logistik abgeschlossen. Dabei wurden unter anderem Risiken durch sogenannte Glacial Lake Outburst Floods – plötzliche Ausbrüche von Gletscherseen – untersucht.
Die zentrale Erkenntnis: Informationen über Katastrophenrisiken, Logistikplanung und vorbereitete Hilfskapazitäten müssen eng miteinander verbunden werden.
Denn einige der wichtigsten Investitionen in humanitäre Hilfe müssen stattfinden, bevor eine Katastrophe eintritt: Teams ausbilden, Vereinbarungen mit Lieferanten treffen, alternative Routen planen, lokale Unternehmen stärken und sichere Bargeldsysteme vorbereiten.
Diese Arbeit liefert keine dramatischen Bilder. Aber was sie schafft, ist existentiell: Zeit.
Zeit, die im Katastrophenfall darüber entscheiden kann, wie schnell ein Kind Nahrung, sauberes Wasser, eine Unterkunft oder Schutz erhält. Zeit, weil Hilfsgüter näher bei gefährdeten Gemeinden bereitstehen oder eine alternative Route bereits bekannt ist, wenn eine Brücke zerstört wird.
Die Nothilfe läuft weiter
World Vision Nepal arbeitet gemeinsam mit lokalen Partnern, Behörden und anderen humanitären Organisationen, um betroffene Kinder und Familien in Rasuwa und Nuwakot zu unterstützen. Die bisherige Hilfe umfasst unter anderem Nahrungsmittel, Notunterkunfts- und Küchen-Sets, Wasserreinigungstabletten, Solarlampen und Matratzen. Zudem unterstützt World Vision den Schutz von Kindern durch kinderfreundliche Schutzräume.
In der laufenden Nothilfephase sollen insgesamt rund 25’000 Menschen erreicht werden, darunter 10’000 Kinder.
Wir danken allen Spenderinnen und Spendern in der Schweiz und Liechtenstein, die unsere Nothilfe für die von der Katastrophe betroffenen Kinder und Familien unterstützen. Weitere Informationen: https://www.worldvision.ch/hea-sturzflut-in-nepal
Über den Autor
Nirpa Dhami ist Supply Chain & Administration Manager bei World Vision in Nepal und verfügt über Erfahrung in gross angelegten humanitären Nothilfeeinsätzen. Sein besonderes Anliegen ist es, Lieferketten als strategischen Bestandteil einer schnellen und qualitativ guten Unterstützung für besonders gefährdete Kinder und Gemeinschaften zu etablieren.