Zur Heirat gezwungen

5. Juni 2021

Syrische Kinder mit ihrer Mutter

Kinderheiraten sind insbesondere in Konfliktgebieten eine traurige Realität.

Text: Elisabeth Gebistorf, World Vision Schweiz

Derweil sich die verschiedenen Länder langsam von den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie erholen, hegen viele Menschen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Für syrische und afghanische Kinder sieht die Realität jedoch oft schlecht aus: «Manche Familien zwingen ihre Kinder, vor allem die Mädchen, zu frühen Ehen. Sie haben das Gefühl, dass dies nötig ist, weil sie ihre Arbeit verloren haben und durch ihre Kinder Geld verdienen wollen», erzählt ein 14-jähriges Mädchen aus Herat in Afghanistan.

Die Zukunft der syrischen und afghanischen Mädchen und Jungen stand von Anfang an auf dem Spiel. Nach jahrzehntelangen bewaffneten Konflikten, Hungersnöten und Dürreperioden/Katastrophen, hat sich ihre Notlage durch die Pandemie noch weiter verschlimmert: Mit dem Anstieg der Covid-19-Fälle und den Lockdowns ist auch die Zahl der Kinderheiraten in diesen beiden Ländern angestiegen. Denn Covid-19 hat dazu geführt, dass viele Eltern ihre Arbeit verloren haben und die Mechanismen zum Schutz von Kindern nicht mehr funktionieren. Um die Familie noch versorgen zu können, sehen Eltern oft keinen anderen Ausweg mehr, als ihre Kinder zu verheiraten. Mit jedem verheirateten Kind muss ein hungriger Mund weniger ernährt werden.

Syrisches Mädchen mit KindFatimah aus Syrien wurde zwangsverheiratet.

Geschlechtsspezifische Gewalt insbesondere in Konfliktgebieten
Insbesondere junge Mädchen sind anfällig für Kinderheirat und andere Formen der geschlechtsspezifischen Gewalt an Orten, an denen es Konflikte gibt. Die Folgen sind unmittelbar, weitreichend und oft generationenübergreifend. Die 12-jährige Salma bestätigt dies: «Wenn ein Mädchen unter Druck gesetzt wird, zu heiraten, könnte sie am Ende daran denken, wegzulaufen oder Selbstmord zu begehen. Sie könnte hoffen, dass ihr jemand hilft, aber wenn sie doch verheiratet wird, kann es sein, dass sie geschlagen wird oder sich scheiden lässt.»

Genaue Daten über Kinderheirat und andere Kinderrechtsverletzungen sind nur schwer zu erheben. Covid-19 und die andauernden Zugangs- und Mobilitätsbeschränkungen verschärfen diese Realität noch und erschweren es den Behörden, das Leid mit Zahlen zu belegen und zu intervenieren. Fast alle jungen Menschen, die World Vision 2020 in Syrien befragte, berichteten, dass die Praxis der Früh- und Zwangsverheiratung von Mädchen seit dem Beginn des Syrien-Konflikts zugenommen hat. Mehr als 70 Prozent nannten als Hauptursache dafür den Konflikt und die Unsicherheit. Offizielle Berichte aus Syrien bestätigen dies. Ebenso schockierende Berichte kommen jetzt aus Afghanistan, wo sich die Kinderheiratsrate durch Covid-19 und den dortigen Konflikt verschlimmert hat.

Die Ursachen aufschlüsseln
Es gibt ein komplexes Geflecht von Faktoren, die Familien unter Druck setzen können, ihre Mädchen zu verheiraten. Dazu zählen die wirtschaftliche Situation, tief verwurzelte Geschlechterungleichheiten und kulturelle Normen. Erschreckenderweise wird dem eklatanten Anstieg der Kinderheiratsraten nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt – oft wird dies einfach als «soziale Norm» abgetan. Infolgedessen ist das Leben von Millionen von Mädchen betroffen und nationale und internationale Akteure verschliessen die Augen vor ihrer Verantwortung, Kinderheiraten zu bekämpfen und Kinder zu schützen.

Afghanische Kinder sitzen beisammen.Bildung könnte das Leben von vielen Kindern retten. 

Mangelnde Bildung
Ein weiterer Faktor, der Kinderheirat begünstigt, ist der Mangel an Bildung. Alte langjährige Vorstellungen über Geschlechterrollen und sexuelle und reproduktive Gesundheitsrechte werden unbesehen weitergegeben und übernommen. Es ist zentral, daran zu denken, dass es nicht möglich ist, diese Kette von Kinderheiraten über Generationen hinweg zu durchbrechen, ohne die Gemeinden und insbesondere die Kinder einzubeziehen. Sie müssen lebenswichtige Informationen lernen, nur so kann das Leben von vielen Kindern gerettet werden.

Konflikte verschlimmern die Situation, sie wirken sich unmittelbar auf die Kinderheiratsrate aus - sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen in Syrien und Afghanistan. Unsicherheit oder Armut schleichen sich während einer Krise ein und zwingen unzählige Kinder in eine vorzeitige Heirat. Manche Eltern, die ihr Einkommen verlieren, sehen in der Heirat die einzige Möglichkeit, die Kosten und die finanzielle Belastung für den Rest der Familie zu reduzieren. Eine in Syrien interviewte Mutter sagte: «Vor dem Krieg war es nicht akzeptabel, Kinder zu verheiraten, aber jetzt fühlen sich Familien aus Verzweiflung dazu gezwungen. In den dicht besiedelten Lagern herrscht Korruption in der Gesellschaft, und es gibt keine Schranken mehr, um Kinder zu schützen.»

Unsicherheit als Treiber der Kinderheiraten
Ähnlich schmerzhaft äusserte sich ein syrischer Vater im Nordwesten zur Kinderheirat als Bewältigungsstrategie: «Ich könnte jeden Moment sterben, wegen des Krieges oder aus irgendeinem anderen Grund. Also ist es besser, meine Tochter zu schützen.» Dieses Gefühl der Unsicherheit wirkt sich als Treiber von Kinderheiraten aus. Die Menschen erleben grossen Stress und Angst und verlieren langsam die Hoffnung auf ein Ende des Konflikts. In Syrien und Afghanistan kommt dies extrem häufig vor. Eltern greifen dann zu Praktiken wie der Kinderheirat in der Absicht, ihre Kinder zu schützen. Die langfristigen Folgen solchen Vorgehens sind für Kinder immens: Kinderheirat vertieft die Armut, verursacht wiederholte Muster von Vertreibung, Analphabetismus und Begrenztheit, Mangel an sicherer Arbeit, Mangelernährung und eine Reihe von Übergriffen auf Frauen und Kinder.

Die Notwendigkeit, Kinderheiraten zu verhindern, ist nicht neu. Die Auswirkungen der Pandemie und die damit verbundene Unsicherheit verstärken jedoch die Dringlichkeit: Um Kinderheiraten in Syrien und Afghanistan zu beenden, ist ein globales Engagement nötig.

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