Wir wollten nicht weg

16. Juni 2022

Ukraine: Ein junger Mann sitzt neben seiner Mutter.

Der 17-jährige Evhen hat seine Mutter ausser Landes in Sicherheit gebracht. Seine eigene Zukunft sieht er in der Ukraine.

Text: Caitlin Gaines, World Vision

 

Obwohl Evhen in Dnipro weniger Konflikte erlebte als das in anderen Städten an der Front der Fall gewesen wäre, entschied er sich aus Sorge um die Gesundheit seiner Mutter für die Flucht. Alla hat mehrere gesundheitliche Probleme, sie hat auch bereits einen Schlaganfall überlebt. Evhen befürchtete, dass sich ihr Gesundheitszustand durch den Stress des Konflikts weiter verschlechtern könnte.

Sorgen um die Mutter
«Ich habe mir wirklich Sorgen um sie gemacht, weil sich auch ihr psychischer Zustand verschlechtert hat. Sowieso ist die psychische Verfassung aller Menschen in der Ukraine im Moment sehr schlecht», sagt Evhen. «Ich habe mir wirklich Sorgen um meine Mutter gemacht. Also habe ich beschlossen, dass wir gehen müssen.»

Die letzte Nacht in Dnipro war für Alla ein schreckliches Erlebnis. «Da waren Sirenen... wir haben im Keller übernachtet, weil die Sirenen ununterbrochen ertönten.»

Alla und Evhen reisten mit dem Auto von Dnipro nach Moldawien. Nach dem Grenzübertritt wurden sie von freiwilligen Fahrern in das Egros Refugee Transit Centre in Iasi, Rumänien, gebracht. Dort hilft World Vision ukrainischen Geflüchteten. 

Obwohl viele Menschen auf der Welt schockiert waren, als der Konflikt im Februar ausbrach, waren es Evhen und seine Freunde nicht. Der Konflikt innerhalb der ukrainischen Grenzen war Teil seiner Kindheit, so sehr, dass er den Krieg als Teil dessen verstand, was die Ukraine ausmacht. 

Der Krieg dauert schon seit Jahren an
«Wissen Sie, viele Leute denken, dass der Krieg in unserem Land am 24. Februar begann. Der Krieg in unserem Land dauert jedoch schon seit acht Jahren. Er kam 2014 zurück», erklärt er. «Ich bin mit dem Krieg aufgewachsen. Ich war neun, glaube ich, als der Krieg begann. Ich schätze, ich hatte Glück, dass ich ihn einen grossen Teil meines Lebens nicht mit eigenen Augen gesehen habe.»

Während Evhen das Echo des Krieges vertraut vorkommt, empfindet er auch grosse Gefühle für die Freunde, die in der Ukraine geblieben sind und mit denen er nur schwer in Kontakt bleiben kann. Er ist der Einzige aus seinem Freundeskreis, der die Ukraine als Geflüchteter verlassen hat. Er sorgt sich um die Sicherheit seiner Freunde und seiner Grossfamilie: Sie haben sich entschieden zu bleiben. Auch Alla sorgt sich – sie ermutigt ihre Lieben in der Ukraine, die Grenze zu überqueren. «Wir rufen ständig Leute zu Hause an und erzählen ihnen, wie gut es hier ist», sagt sie unter Tränen. «Man hat das Gefühl, dass wir sie zurückgelassen haben.»

 

Urkaine: Zwei Schauspieler stehen auf einer Bühne.

 

Evhen lässt viel zurück
Evhen hinterlässt nicht nur seine Freunde, sondern auch eine blühende Karriere und eine gute Ausbildung. Er studierte im zweiten Jahr Jura und Psychologie und trat ausserhalb des Unterrichts als Theaterschauspieler auf. An dem Tag, als der Konflikt in der Ukraine ausbrach, sollte Evhen einen Modelvertrag unterschreiben. Statt Karriere zu machen, wurde die Kunst für Evhen schnell zu einer Möglichkeit, den Tragödien zu entkommen, die sich ausserhalb seiner Stadt abspielten. 

«Im Vorfeld des Konflikts lag eine grosse Spannung in der Luft. Das Theater, in dem ich auftrete, war mein sicherer Ort, an dem ich ich selbst sein und nicht über diese Dinge nachdenken musste.»

Evhens Ziel ist es nun, für seine Mutter einen sicheren Ort in Europa zu finden und dann in die Ukraine zurückzukehren. Er bleibt hoffnungsvoll, was die Zukunft bringen könnte  ̶  sowohl für ihn als auch für die Ukraine. 

«Ich sehe meine Zukunft wieder in der Ukraine. Solange es die Ukraine gibt, gibt es dort auch eine Zukunft für mich.»

 

Das Leid der aus der Ukraine Geflüchteten ist gross. Helfen Sie mit, Geflüchtete zu unterstützen! 

 

*Name geändert

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