Wie Afrika die Kinderlähmung besiegte

1. September 2020

Gesundheitshelfer verabreichen in Somalia die Schluckimpfung gegen Polio.

Hier verabreichen Gesundheitshelfer in Somalia die Schluckimpfung.

Text: World Vision Schweiz

Afrika ist frei von wildem Polio. Das Virus, dass einst jedes Jahr 75’000 Kinder auf dem Kontinent lähmte, wurde durch eine lange, hartnäckige Impfkampagne besiegt. Am 25. August erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass auf dem Kontinent seit vier Jahren kein einziger Fall von wildem Polio gemeldet wurde. Damit gilt das Virus offiziell als besiegt. Jahrzehnte unermüdlicher Arbeit von Tausenden von Helfern, unterstützt von Millionen von Eltern, die ihre Söhne und Töchter vor Kinderlähmung schützen wollten, führten endlich ans Ziel.

Eine zweite, seltene Form des Virus, die von einem in Schluckimpfungen benutzten Typus abstammt, wird weiterhin bekämpft. Selbst mit der Schluckimpfung ist eine Infektion durch dieses abgeschwächte Virus jedoch sehr unwahrscheinlich. In den letzten zehn Jahren gab es weltweit weniger als 800 solcher Fälle – im Gegensatz zu 6,5 Millionen potenzieller Fälle von wildem Polio, die durch die Schluckimpfungen verhindert wurden. In vielen Ländern ist inzwischen ein gespritzter Impfstoff mit inaktivierten, abgetöteten Viren üblicher, der noch sicherer ist, da diese sich nicht vermehren können.

Um Polio und andere Kinderkrankheiten vollkommen zu besiegen, muss die globale Impfkampagne der Weltgesundheitsorganisation jedes Kind erreichen. Das Ende des wilden Polio-Virus in Afrika zeigt, dass das möglich ist. Nicht nur das: die Kampagne gegen Polio hat das Gesundheitssystem in Afrika von Grund auf verändert, und völlig neue Möglichkeiten zur Bekämpfung von Krankheiten geschaffen. In Zeiten von Corona entpuppt sich das als Geheimwaffe. Viele der Strategien gegen Polio helfen jetzt, COVID-19 in Afrika zu stoppen.

Hier sind die wichtigsten Meilensteine der revolutionären Kampagne gegen Polio:

Afrika: Schluckimpfungen gegen Kinderlähmung/Polio.

Mit Schluckimpfungen gegen die Kinderlähmung.

Poliomyelitis, wie die durch das Polio-Virus ausgelöste Krankheit heisst, verbreitete einst weltweit Angst und Terror in Familien. Das Virus wird durch schmutzige Hände, kontaminiertes Wasser oder Nahrung und auch durch ausgehustete Tröpfchen übertragen. Die meisten infizierten Personen erkranken nur schwach oder ganz ohne Symptome. Doch bei einer kleinen Minderheit greift die Krankheit das Nervensystem an und lähmt die Gliedmassen – in manchen Fällen lebenslang. Andere leiden noch Jahrzehnte nach der Infektion an Gliederschmerzen und Muskelschwächen.

1982 wurde in der Schweiz der letzte Fall von Kinderlähmung durch das wilde Polio-Virus gemeldet. Zu dem Zeitpunkt grassierte das Virus aber noch in vielen anderen Teilen der Welt. Jeden Tag gab weltweit 1’000 neue Fälle. 1988 beschloss die Weltgesundheitsorganisation, die Kinderlähmung weltweit auszurotten. Europa erreichte das Ziel im Jahr 2002.

Gesundheitshelfer in Angola bereiten Impfungen vor.

Starkes Bündnis: auch gegen Masern und Gelbfieber wird geimpft, wie hier in Angola.

1996, als das wilde Poliovirus in Afrika noch 75’000 Kinder pro Jahr lähmte, startete Nelson Mandela mit einem Bündnis von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen die «Kick Polio Out of Africa Campaign». Das Ziel war, jedes Kind in Afrika gegen Polio zu impfen. Vier Jahre später begann das CORE Group Polio Project, eine globale Impfkampagne, die auch von World Vision unterstützt wird.

Einer der Schlüssel zum Erfolg war die intensive Einbindung der Gemeinden selbst, zum Beispiel durch Aktivisten und Gesundheitshelfer vor Ort, die mit ihren Impftaschen auch die entlegensten Dörfer erreichten.

Gesundheitshelfer mit Rucksäcken steigen von einem Holzfloss in Somalia, um in entlegenen Gemeinden Kinder gegen Polio zu impfen.

Ein World Vision-Team überquert einen Fluss in Somalia, um Kinder in entlegenen Dörfern gegen Polio zu impfen.

Mit vereinten Kräften schafften es diese Bündnisse, den gesamten Kontinent gegen das Virus zu wappnen. Insgesamt wurden 9 Milliarden Polio-Impfungen mündlich verabreicht, und 1,8 Millionen geschätzte Fälle von wildem Polio verhindert. Zwei Millionen freiwillige Impfhelfer unterstützten die Kampagne in Afrika jedes Jahr.

Die Kampagne gegen Polio hatte noch andere positive Auswirkungen. Durch sie wurde über viele Jahrzehnte hinweg in Afrikas Gesundheitssysteme investiert. Das kurbelte wiederum Impfprogramme gegen andere typische Kinderkrankheiten an und half der Früherkennung von Ausbrüchen. Wichtige Daten wurden erfasst und analysiert, um Kinder flächendeckend zu schützen und Impfkampagnen optimal zu organisieren. Es entstand ein ganzes Netzwerk von ausgebildeten Helfern, die einen engen Kontakt zu ihren Gemeinden pflegten und deren Vertrauen genossen.

Selbst in Kriegsgebieten schafften es die Anti-Polio-Teams, mit bewaffneten Gruppen zu verhandeln, um jede Siedlung zu erreichen und jedes Kind zu impfen. Damit wurde nicht nur Polio bekämpft, sondern auch andere Krankheiten wie die Masern oder Gelbfieber.

Ein Junge und ein Mädchen in Zambia waschen sich an einer Pumpe die Hände

Impfen, sauberes Wasser, Händewaschen: Diese Massnahmen schützen vor vielen Krankheiten.

Das durch die Polio-Kampagne geschaffene engmaschige Netzwerk hat sich in anderen Gesundheitskrisen als lebensrettend erwiesen. Es kann blitzschnell aktiviert werden. Auch während der Corona-Pandemie springt das Anti-Polio-Netzwerk in Afrika ein. Die Helfer vermitteln wichtige Informationen und erklären Schutzmassnahmen gegen das Virus, wie zum Beispiel Abstand halten, Masken tragen und Hände waschen.

«Polio hat uns gezeigt, dass es möglich ist, Krankheiten auszurotten», sagt Dr. Francis Kasolo, ein regionaler Direktor der Weltgesundheitsorganisation in Africa. «Jetzt müssen wir entscheiden, welche Krankheiten für die Gemeinden die nächste Priorität sind, und welche wir als Nächstes bekämpfen sollten.»

Am 25. August 2020, nach vier Jahren ohne einen einzigen Fall von wildem Polio, erklärte die Weltgesundheitsorganisation Afrika offiziell für Polio-frei. Das ist ein Grund zum Feiern. Doch der Einsatz muss weitergehen – bis alle Formen von Polio und Kinderkrankheiten in Afrika und der ganzen Welt besiegt sind.

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