Wenn jemand anders über deine Mahlzeit bestimmt

16. Oktober 2020

Bangladesch: Eine Mutter sitzt mit drei ihrer vier Kinder in einer Hütte im Flüchtlingslager Cox’ Bazar.

Mutter Nur mit drei ihrer vier Kinder im Flüchtlingslager von Cox’ Bazar im Süd-Osten von Bangladesch.

Text: World Vision Schweiz

860’000 Menschen leben in Katupalong, Cox’ Bazar, dem grössten Flüchtlingslager der Welt, das sich im Süd-Osten von Bangladesch befindet. Die meisten Menschen im Lager sind Rohingya, geflohen vor der Unterdrückung und Gewalt in Myanmar. Auch Nur gehört dazu. Sie ist 43 Jahre alt, hat vier Kinder und einen Mann, Zokoria. Seit dem Jahr 2017 ist die muslimische Familie auf der Flucht. Zwölf Tage lang sind sie zu Fuss von ihrem Haus bis nach Bangladesch gegangen, erzählt sie. Ihr jüngstes Kind, Fatema, war damals gerade etwas mehr als einen Monat alt.

«Wir hatten nichts zu essen», sagt Nur. «Um zu überleben, assen wir den Abfall, den andere Menschen vor ihre Häuser warfen.» Sie kämpften mit hunderttausenden Flüchtlingen um Nahrung. Viele Anwohnerinnen und Anwohner halfen, reichten ihnen ein paar Rappen, Lebensmittel und Wasser, eine Frau gab Nur und ihrer Tochter ein Kopftuch. «Freundlich und grosszügig» seien die Menschen gewesen, sagt Nur. Zwei Monate lang fand ihre Familie Unterschlupf im Haus eines anderen Rohingya, der schon vor Jahren aus Myanmar geflohen war. Dann bauten sie sich ihre eigene Unterkunft, entfernten Büsche und Bäume, ebneten den Grund, errichteten einen Unterstand und kauften Planen zum Schutz.

Partner des Welternährungsprogramms

Mit der Zeit wuchs die Gegend im Bezirk Cox’ Bazar zum heute grössten Flüchtlingslager der Welt. Immer mehr Unterkünfte entstanden. Hilfsorganisationen und die Regierung von Bangladesch halfen. Sie stellten Lebensmittel, Wasser und Materialien für den Bau zur Verfügung. Über die Jahre habe sich die Situation der Geflüchteten deutlich verbessert, sagt Nur. Aber arbeiten dürfen sie nicht. Das Gesetz verbietet es. Auch reicht ihr Platz im Lager nicht, um eigene Nahrung anzubauen. Sie sind auf Lebensmittelspenden angewiesen.

Bangladesch: Ein Mädchen sitzt in einer einfachen Hütte und spielt mit Speiseölflaschen.

Fatema ist eins von vielen Kindern im grössten Flüchtlingslager der Welt, in dem World Vision gemeinsam mit dem Welternährungsprogramm die Lebensmittelvergabe organisiert.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (World Food Programme, WFP) sichert den Rohingyas regelmässige Lebensmittelrationen. Seit 30 Jahren ist World Vision Partner des Welternährungsprogramms, seit 16 der grösste überhaupt. 2019 begann die gemeinsame Arbeit in Bangladesch. World Vision und das WFP verteilten Nahrungsmittel an alle Flüchtlinge. Die Mitarbeitenden von World Vision gehen im Lager von Tür zu Tür, um über die Essensvergabe zu informieren und zu helfen, wenn zusätzlich Bedarf besteht, weil zum Beispiel Essensmarken fehlen oder Lebensmittel verdorben sind. Können Familien ihre Rationen nicht tragen, weil sie körperlich eingeschränkt sind, hilft World Vision und bringt die Nahrung bis zur Unterkunft.

Nahrung für die Würde

Auch Nur bezieht monatlich über World Vision und das Welternährungsprogramm ihr Essen: 60 kg Reis, 18 kg Linsen und sechs Liter Speiseöl für die sechsköpfige Familie. Für Fatema bekommen sie zusätzlich energiereiche Kekse und eine spezielle Weizen-Soja-Mischung, um eine Unterernährung zu verhindern. Alles ist genau auf den Bedarf abgestimmt. Ein neues elektronisches Gutscheinsystem soll ihnen jetzt auch ermöglichen, in einem speziellen Shop frisches Obst, Gemüse, Fleisch, Eier und Gewürze zu kaufen. Es breche ihr das Herz, ihren Kindern nicht geben zu können, was sie sich wünschen: «goshto» zum Beispiel, ein klassisches Gericht aus geschmortem Fleisch, sagt Nur. Das soll sich ändern.

Denn Lebensmittel sind mehr als nur lebenssichernde Nahrung. Für viele Familien hat es mit Würde und Selbstbestimmung zu tun, sich einen eigenen Ernährungsplan aufzustellen. Das Lager wird noch einige Zeit das Zuhause für die Rohingyas sein. Um zu lernen, mit neuen Situationen wie der Corona-Pandemie umzugehen, wurde Nur kürzlich zur Teamleiterin ihrer Gemeinde ernannt. Sie nimmt an Schulungen teil und informiert ihre Nachbarn, wie sie sich richtig vor dem Virus schützen. Auch bei der Essensvergabe gibt es Anpassungen an COVID-19: feste Zeiten, zu denen jede und jeder seine Ration abholen kann, um Schlangen und Menschenmassen zu vermeiden. Mit all dem will World Vision den Flüchtlingen helfen, nicht nur sicher, sondern auch selbst aktiv zu sein.

 Bangladesch: Eine Mitarbeiterin von World Vision kümmert sich um die Essensausgabe im Flüchtlingscamp Cox’ Bazar.Ausgabe mit Abstand: Zu festen Zeiten kann sich Nur im Lager die Lebensmittelrationen für ihre Familie abholen, so dass keine langen Schlangen entstehen.

 

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