WELT-MÄDCHENTAG: MÄDCHEN SIND KEINE WARE

10. Oktober 2018

Mädchen in Afghanistan

Die Zwangsheirat von Kindern ist für viele vertriebene Familien zum Überlebensmechanismus geworden. Verzweifelte Eltern sehen den Brautpreis als einzigen Weg, sich ein Einkommen zu verschaffen.

Provinz Herat, Afghanistan. Ein beissender Wind zerrt an den Kleidern und treibt einem Tränen in die Augen. Wer nicht aufpasst, hat bald Mund und Nase voller Staub. Notdürftige Zelte stehen dicht gedrängt auf steinigem Boden. «Letzte Nacht konnten wir nicht schlafen», ächzt die 45-jährige Badro. Sie zeigt auf die dürren Stecken, die ihr kleines Zelt aufrecht halten. «Ich musste sie die ganze Nacht festhalten.» Badros Familie kam vor sechs Monaten von Badghis nach Herat. «Wir hatten einmal ein richtiges Zuhause und einen Stall voller Schafe. Aber wir haben alles wegen der Wasserknappheit verloren.» Die Flucht half der Familie nicht weiter. Ihr einziger Sohn ging in den Iran, um dort Arbeit zu finden, und liess Badro und ihre drei Töchter auf sich alleine gestellt zurück.

Der letzte Ausweg: ein Kind verheiraten
Keine von Badros Enkelinnen hat je die Schule besucht. Die jüngste, die 13-jährige Anisa, ist sehr scheu. Sie spricht kaum, nur kurze Sätze, schaut zu Boden und zerrt an ihrem Kopftuch. Badro schlürft ihren Tee und schaut auf Anisa. «Wenn ich einen guten Man für sie finden könnte, würde ich sie verheiraten. Wenn ich keine Unterstützung bekomme, habe ich bald keine Wahl mehr. Es wäre besser für sie, und auch für uns.» Die Kleine starrt schweigend zu Boden.

Kinderheirat ist zur Überlebensstrategie für hungernde Familien auf der Flucht geworden. Über 50 % der Haushalte in Badghis verheiraten junge Mädchen, um ihre Haushaltskasse aufzubessern. Traurig erzählt Badro: «Ich hätte nie gedacht, dass es je soweit kommen würde; heimatlos, auf Steinen schlafend, mit leerem Magen. Vielleicht bin ich morgen nicht mehr da. Ich weiss nicht, was dann mit diesen Mädchen passieren würde.» Gemäss UN-Berichten gibt es grosse Bedenken, was die Rechte der Kinder in dieser Region betrifft. Über 100'000 Kinder sind dort dringend auf Schutz angewiesen. Besonders besorgniserregend sind die vielen Fälle von Kinderheirat und Kinderarbeit, deren Zahl ständig ansteigt.

Vorbeugen und Perspektive schaffen
«Für die Menschen dort war das Leben noch nie einfach, aber sie hatten genug um zu überleben. Heute ist dies nicht mehr der Fall. Alltägliche Probleme sind auf einmal unlösbar – tausende Familien sehen das Verheiraten ihrer Töchter als einzigen Ausweg, um ihre Familien zu ernähren», sagt Jim Alexander, Direktor von World Vision Afghanistan. Er ergänzt: «Nothilfe ist gut, aber noch wichtiger ist es, zu helfen bevor die Menschen ihr Zuhause verlassen. Sie brauchen Essen, aber auch neues Saatgut. Sie müssen totes und verkauftes Vieh ersetzen. Sie brauchen jetzt Wasser, aber auch in Zukunft eine sichere Wasserversorgung. Sie brauchen medizinische Hilfe und die Gewissheit, dass diese auch dann gewährleistet ist, wenn sie zuhause bleiben.»

Word Vision Afghanistan leistet seit Oktober 2017 Hilfe vor Ort. Zusammen mit der UNOCHA und dem Welternährungsprogramm hat World Vision bereits 101’065 Personen mit sauberem Wasser versorgt und 4'257 Tonnen Nahrungsmittel verteilt, um den Flüchtlingsströmen entgegenzuwirken.

Helfen Sie Mädchen wie Anisa. Als Kindheitsretter unterstützen Sie Kinder, die dringend geschützt werden müssen – sei es vor Zwangsheirat, Kinderarbeit und anderen Arten von Gewalt.

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