Von der Beschneiderin zur Lebensretterin

11. Oktober 2020

Kenia: Eine Frau legt lachend ihre arme um zwei Mädchen, die ebenfalls lachen.

Im Sinne der Mädchen: Paka (Mitte) klärt die jungen Frauen darüber auf, dass eine Beschneidung ihre Rechte verletzt.

Text: World Vision Schweiz

Es ist grausamer Schnitt, der Mädchen zur Frau machen soll, der sie reinigen und ihren Wert auf dem Heiratsmarkt steigern soll. Mit einem Rasiermesser werden ihnen die Klitoris und Schamlippen entfernt, ohne Betäubung, oft eingebettet in ein rauschendes Fest. Die Mädchen sind zu diesem Zeitpunkt noch Kinder, die rituellen Beschneidungen verstümmeln ihr Genital. Auch Paka hat solche Beschneidungen durchgeführt. Die 70-Jährige weiss heute, dass die weibliche Genitalverstümmelung, auf female genital mutilation (FGM), eine grausame Tradition ist und verboten gehört. Sie will die Frauen in ihrer Gemeinde aufklären und setzt sich für ein Ende des grausamen Rituals ein – auch wenn sie selber Jahre lang dachte, dass es für Mädchen einfach dazugehört.

Von Generation zu Generation

Beschneidungen haben in Kenia eine lange Tradition. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben. Seit 2011 sind sie jedoch eigentlich verboten. Praktiziert werden sie trotzdem, auch in Mondi, einem Dorf im Bezirk Baringo im Westen von Kenia. Paka war dort eine der Frauen, die solche Beschneidungen durchgeführt haben. Eingeladen hatten sie die Eltern, die ihre Töchter auf das Leben als Frau und vor allem Ehefrau vorbereiten wollten. Ein Mädchen, das nicht beschnitten ist, gilt traditionell als unrein. Ihr Wert auf dem Heiratsmarkt sinkt und damit die Mitgift und der Reichtum, den sich die Familie von einer Heirat verspricht. Was Mädchen für den Rest ihres Lebens verstümmelt, gilt in der Tradition als gut.

Paka berichtet von dem Geld, das sie erhalten habe, von der Anerkennung und den anschliessenden Festen – auch von dem Alkohol, der dort floss. Sie habe viel getrunken, sagt sie. Das habe sie süchtig gemacht. Aufgrund des Alkohols sei es oft zu Gewalt gekommen, manchmal bliebt vom Verdienten auch nichts mehr übrig. «Ich lebte ein gefährliches Leben, aber ich wusste nicht, wie ich aufhören sollte», sagt sie.

Risiko für Mädchen in der Corona-Pandemie

Paka dachte, sie würde etwas Gutes tun. Sie brauchte das Geld. Glücklich war sie nicht. «Ich war arm und kämpfte jeden Tag darum, für meine Familie zu sorgen. So hatte das Leben für mich keinen Sinn mehr.» Als sie keinen Ausweg mehr sah und in ein tiefes Loch fiel, traf sie Pastor Salomon. Er ist einer der religiösen Führungspersonen, die World Vision ausbildet, um Familien zu unterstützen und Kinder zu schützen – gerade in Zeiten der Pandemie. Denn durch Corona steigt das Risiko für Mädchen, Opfer einer Genitalverstümmelung und zwangsverheiratet zu werden. Sind die Schulen geschlossen, fehlt ihnen der Raum, der ihnen sonst Sicherheit und eine bessere Zukunft bietet. Eine Heirat scheint für viele Familien der einzige Weg und die grausame Beschneidung das nötige Ritual. Pastor Salomon möchte das ändern.

Kenia: Ein Mann und eine Frau sitzen auf Holzstrünken vor einer traditionellen Hütte und reden miteinander.Pastor Salomon hat Paka besucht und ihr geholfen, einen Ausweg zu finden aus der grausamen Praxis.

Im Rahmen seiner Ausbildung bei World Vision hat er gelernt, wie schädlich Kinderheirat und Genitalverstümmelung sind. Sie berauben Kinder der Zukunft, die Gott für sie vorgesehen hat, sagt er. Seine Botschaft: «Man findet Freude, wenn man anderen Freude bringt.» Ein solches Unrecht wie die Verstümmelung gehört nicht dazu. Dafür will er die Gemeinde sensibilisieren. Als Pastor geniesst er in der Bevölkerung hohes Ansehen. Die Leute achten ihn und hören ihm zu. Pastor Salomon besucht Familien und Kinder im Dorf und kontrolliert, dass es keine Gewaltübergriffe gibt. Wenn er Anzeichen eines Missbrauchs sieht, informiert er die zuständigen Behörden.

Glaube und Aufklärung gegen Unrecht und Leid

Auch Paka besuchte er regelmässig. Er hörte ihr zu, als es ihr schlecht ging. Und er erklärte ihr, was ihr Eingriff für Mädchen bedeutet, welche schlimmen Folgen er hat. «Es ist, als wäre er geschickt worden, um mein Leben zu retten», sagt Paka. «Endlich verstand ich, dass das Leiden in meinem Leben mit dem Schmerz verbunden war, den ich den Kindern zufügte.»

Paka gab die Praxis auf. Heute verdient sie ihr Geld mit Ackerbau und Viehzucht, um sich um ihre Enkel zu kümmern. Sie setzt sich für die Rechte der Kinder in Baringo ein und hat sich geschworen, alles zu tun, was ihr möglich ist, um die weibliche Genitalverstümmelung zu bekämpfen. Sie organisiert Gemeindeforen und informiert die Frauen im Dorf. «Ich möchte sie vor den Qualen und Schmerzen schützen, die ich fühle, wenn ich mich an die Mädchen erinnere, denen ich Schaden zugefügt habe», sagt sie. Am Ende, hofft sie, kann sie das Ritual beenden – ein Ritual, das sehr grausam ist, von dem sie aber selber lange dachte, dass es für jedes Mädchen dazugehört.

Kenia: Eine Frau erklärt jungen Frauen, wie schädlich die weibliche Genitalverstümmelung für sie ist.Gemeinsam Kinder schützen: Paka informiert die Frauen in ihrem Dorf über das Unrecht und die Folgen der Genitalverstümmelung.

 

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