VOM BUCHBINDEN ZUM BÜCHERLESEN

14. Juni 2019

Indien: Eine Gruppe Kinder sitzt in einem Klassenzimmer mit hellblauen Wänden. Der Junge in der ersten Reihe hält ein Schulheft in den Händen.

MOHSIN HATTE GLÜCK UND KONNTE DER KINDERARBEIT ENTKOMMEN. «ICH LIEBE MEINE SCHULBÜCHER UND DIE SCHULE MACHT MIR SPASS!»

Text: Barbara Thoma, freie Mitarbeiterin World Vision Schweiz

Mohsins Tag beginnt um sechs Uhr. Er wacht in einer winzigen 2-Zimmerwohnung auf, wo er mit acht Familienmitgliedern lebt. Um sieben Uhr macht er sich auf den Weg zu seiner Schule in den Slums von Meerut, Indien. Auf dem Rücken trägt er seinen wertvollsten Besitz: die Schultasche, die seine liebsten Begleiter beherbergt – die Schulbücher. «Ich liebe meine Schulbücher», erklärt er inbrünstig. «Die Schule macht mir Spass. Am meisten mag ich Englisch, aber Mathe und Hindi sind auch toll.» Eifrig führt er seine Englischkenntnisse vor: «I am very fine!»

Indien: Ein Junge in einem violetten Hemd sitzt vor einigen Stapeln Papier.ZEHN STUNDEN TÄGLICH MUSSTE MOHSIN IN DER BUCHBINDEREI ARBEITEN. «MEINE HÄNDE TATEN SCHRECKLICH WEH UND ICH WAR SEHR UNGLÜCKLICH.»

Arbeit in der Buchbinderei
Heute lernt Mohsin in der Primarschule von Kanya, doch noch vor wenigen Jahren musste er 10-Stunden-Schichten in einer Buchbinderei schieben und schwere Bücherstapel schleppen. «Meine älteren Brüder hatten dort gearbeitet und mich als Aushilfe geholt, weil grosse Sammelbestellungen reinkamen», erzählt er. «Ich war immer so müde, meine Hände haben schrecklich wehgetan und ich war sehr unglücklich. Statt Spielkameraden hatte ich nur Bücher um mich, und ich wusste nicht einmal, was darin stand. Ich stellte mir dann vor, wie es wäre, wenn ich diese Bücher lesen könnte.»

Mohsins Vater leidet an Asthma und kann nicht arbeiten gehen, seine Mutter Kanij verdient mit Gelegenheitsjobs etwas Geld, doch ihr Einkommen war zu niedrig, um für die Grossfamilie zu sorgen. So schien Arbeit für Mohsin die einzige Möglichkeit, um auszuhelfen.

Indien: Eine Frau mit einem weissen Kopftuch blickt nachdenklich in die Kamera.«AUCH OHNE GELD IM HAUS WÜRDE ICH MOHSIN ZUR SCHULE SCHICKEN», ERKLÄRT SEINE MUTTER KANIJ ENTSCHIEDEN. «ER LÄCHELT JETZT VIEL HÄUFIGER. ICH MÖCHTE NUR DAS BESTE FÜR IHN.»

«Mohsins Lohn deckte seine eigenen Bedürfnisse. Für mich war es, als ob ich mich somit nicht mehr um ihn kümmern müsste», gesteht Kanij. «Erst nachdem World Vision mit mir sprach, erkannte ich, dass seine Chancen noch besser wären, wenn er zur Schule ginge.» Und entschieden fügt sie hinzu: «Auch ohne Geld im Haus würde ich Mohsin weiterhin zur Schule schicken. Er lächelt jetzt viel häufiger. Ich möchte nur das Beste für ihn.»

2013 lancierte World Vision Indien das Projekt in Meerut, das 14 Kinderbetreuungszentren, 107 Kinderclubs und 7 Kinderschutzzentren betreibt. 21 Lehrer unterstützen derzeit 3’019 Kinder beim Einstieg in die Schule und helfen ihnen auch nachmittags bei den Hausaufgaben. Auch für Mohsin gehört der Gang zum Kinderzentrum zu seinem Tagesplan.

«Wenn ich gross bin, möchte ich Polizist werden», erklärt Mohsin und seine Augen leuchten. «Ich möchte schnell hinter Dieben herrennen und sie festnehmen. Aber vorher möchte ich die Schule beenden, denn ohne Schule kann ich kein guter Polizist werden.»

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