Syrien: Den Alltag überleben

18. Juni 2020

Text: Tamara Fritzsche, World Vision Schweiz

«Wie aus dem Nichts begann eines Nachts das Bombardement.»

Der 15-jährige Fadi lebte mit seiner Familie im Haus seiner Grosseltern in Syrien. Seit neun Jahren herrscht in seiner Heimat Krieg. Was 2011 mit friedlichen Demonstrationen in den Strassen von Daraas begann, verwandelte sich in einen blutigen Bürgerkrieg und in eine der schlimmsten Tragödien unserer Zeit. Der andauernde Konflikt in Syrien hat die Nation zerrissen und den Lebensstandard um Jahrzehnte zurückgeworfen hat. Wahllose Bombenangriffe haben Strassen, Schulen, Krankenhäuser und ganze Infrastrukturen zerstört.

«Ich fühlte, dass ich getroffen wurde. Plötzlich war da überall Blut.»

Fadi und seine Familie waren eines Nachts spät auf als lautes Dröhnen die Luft erfüllte und ein Beben das ganze Haus erschütterte. Sich in Sicherheit zu bringen war nicht mehr möglich. Fadis Haus und die Häuser seiner Nachbarn wurden bei dem Luftangriff zerstört, er selbst wurde schwer verletzt: «Plötzlich war da unglaublich viel Blut.» Fadi wurde in eines der wenigen noch funktionierenden Krankenhäuser in der Region gebracht. Die Ärzte und Schwestern retteten ihm das Leben, seinen Arm konnten sie nicht retten.

«Wir sind neu hier und kennen niemanden.»

Nachdem die Familie alles verloren hatte, machte sie sich auf den Weg in ein überfülltes Aufnahmelager nördlich der Stadt. Fadi und seine Familie fanden in einem einfachen Zelt ihr neues Zuhause in der Fremde. «Wir sind neu hier und kennen niemanden», sagt Fadi. Das Leben ist mühselig und leidvoll. Die Familie lebt von Mahlzeit zu Mahlzeit. Ohne die Nahrungsmittelhilfe hätten sie den ganzen Tag nichts zu essen. World Vision versorgte in den fast zehn Jahren des Krieges über 300’000 Syrer mit Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung.

«Alles ist zu teuer.»

Eines Tages möchte Fadi eine Prothese für seinen rechten Arm haben. Zurzeit ist das aber unmöglich: Jeden Rappen benötigt die Familie für Essen und lebensnotwendige Güter. «Alles ist zu teuer», sagt Fadi. Sein Vater starb vor fünf Jahren an einem Schlaganfall, so dass er und einer seiner Brüder arbeiten müssen, um für ihre Familie zu sorgen. Für Fadi ist die Arbeit eine grosse Herausforderung, noch mehr seit dem Verlust seines Armes. 

World Vision in Syrien
Johan Mooij, Response Director von World Vision Syrien, kennt viele solche Tragödien: «Täglich kommen Flüchtlingskinder zu uns – hungrig, kalt und traumatisiert von dem, was sie gesehen und erlebt haben». Ein Leben ohne Krieg ist für viele syrische Kinder unvorstellbar. Ein solcher Konflikt hat schwerwiegende geistige, körperliche und soziale Folgen für die Kinder, die Syrien eines Tages wiederaufbauen sollen. 
Um Kindern wie Fadi zu helfen, hat World Vision zusätzlich zur Not- und Katastrophenhilfe im ganzen Land Kinderschutzzentren eingerichtet, in denen sie soziale und psychische Hilfe finden. Trotzdem: «Nur ein dauerhafter Waffenstillstand kann diesem Elend endgültig ein Ende bereiten», sagt Mooij.

Wir können den Krieg in Syrien nicht beenden. Wir können den Kindern in Not aber sehr wohl zur Seite stehen und ihnen ein Stück ihrer Kindheit zurückgeben. Werden Sie Kindheitsretter!
 

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