Selbstbestimmt aufwachsen ohne Frühverheiratung

26. November 2020

Eine verschleierte Frau mit Gesichtsmaske steht vor einer Wand und hält einen Vortrag.

Samanah, 20, informiert ihre Mitmenschen über die schweren Folgen von Kinderehen und Zwangsheirat.

Text: World Vision Schweiz

Gewalt gegen Frauen und Mädchen wird leider in vielen verschiedenen Formen ausgeübt. Darum ist es unerlässlich, dass die Massnahmen zum Schutz gegen diese Gewalt ebenso vielfältig gestaltet sind und auf regionale, soziale und wirtschaftliche Unterschiede eingehen. So kann zum Beispiel Aufklärung zu den Folgen von Frühverheiratung in afghanischen Familien dazu beitragen, dass Mädchen weniger häufig in jungen Jahren verheiratet werden, später in der Ehe häusliche Gewalt erleben oder Komplikationen aufgrund früher Schwangerschaften riskieren. Sie können länger zur Schule gehen und wachsen sicherer und selbstbestimmter auf.    

Vor vielen Jahren hat Samanah, 20, sich selbst ein Versprechen gegeben: Sie will die Kinder und Frauen ihres Dorfes vor Frühverheiratung schützen. Immer noch steht ihre tägliche Arbeit im Zeichen dieses Versprechens. «Ich werde nie die Tränen meiner Klassenkameradin vergessen, als sie in der achten Klasse verheiratet wurde. Sie war erst 13 Jahre alt, und... sie verliess kurz danach die Schule», berichtet Samanah. Seit diesem Tag ist es ihr ein wichtiges Anliegen, sich weiterzubilden, um sich für Gleichaltrige einzusetzen und beschreibt sich mittlerweile selbst als «ein aktives Mitglied der Dorfgemeinschaft, das Kindern hilft».

Samanah lebt im Bezirk Enjel in Herat, wo sie an der Universität Jura studiert und gleichzeitig als Näherin arbeitet, um ihrer Familie zu helfen. Ihre Weg bis hierhin war schwierig und von Ängsten und Zweifeln geprägt. «Ich verstand damals nicht, wie ich meinen Mitmenschen am besten helfen konnte, Frühverheiratung zu verhindern».  

World Vision Afghanistan setzt sich dafür ein, Frauen wie Samanah durch Aufklärungs-Workshops und Austausch mit ihrem Umfeld in ihrem Einsatz gegen Früh- und Zwangsheirat von Kindern zu stärken. Das aktuelle Projekt wird von der Aktion Deutschland Hilft finanziell unterstützt. Im Rahmen des Projekts werden wirtschaftliche und soziale Chancen für Haushalte gefördert, die von Frauen in der Rolle als Eltern oder als Betreuerinnen geführt werden. Ziel der Initiative ist es, die Zahl frühe Heiraten zu reduzieren und parallel den Lebensunterhalt der Familien zu sichern.

Eine Gruppe Frauen hört einer Frau mit Gesichtsmaske bei ihrem Vortrag zu.Zu Samanahs Aufklärungsarbeit gehören auch Vorträge und Diskussionen innerhalb der Dorfgemeinschaft.

Samanah war eine der jungen Frauen, die zur Teilnahme an dem Projekt ermuntert wurde. Sie erzählt, wie die Leiterin des Dorfes und Vertreter von World Vision zu ihr nach Hause kamen und sie fragten, «ob ich an diesem Austausch mit unserer Gemeinschaft teilnehmen würde. Ich war sehr überrascht und überglücklich, an dem Programm teilzunehmen». Durch diese Arbeit erhielt Samanah Einblicke in die «schlimmen Folgen einer frühen Heirat in den Familien», erklärt sie. «Armut ist eine der Hauptursachen für dieses Problem. Dazu kommt mangelndes Verständnis für Folgen einer solchen Ehe in der nahen Zukunft». Sie fordert, dass sich die Dorfbewohner mit Früh- und Zwangsheirat auseinandersetzen müssen. Ihr Ziel: Wenigstens die schlimmsten Folgen von Frühverheiratung zu mindern, wenn nicht sogar ganz zu beseitigen.

Schon bald hatte Samanah die Gelegenheit, ihr juristisches Wissen bei einer Familiendiskussion über die Verheiratung ihrer 14-jährigen Cousine unter Beweis zu stellen. «Ich argumentierte gegen diese Entscheidung, indem ich die negativen Auswirkungen einer frühen Heirat auf meine Cousine und auf die betroffenen Familien erläuterte.» So gewann Samanah quasi ihren ersten Fall: Sie überzeugte die Familie, und ihre Cousine durfte weiterhin zur Schule gehen, ohne dass ihre persönliche Entwicklung und Sicherheit auf dem Spiel standen.

Eine verschleierte Frau mit Gesichtsmaske arbeitet an einer Nähmaschine.Auch ihre Arbeit als Näherin nutzt Samanah als Gelegenheit, um im Gespräch ihre Kundinnen über Frühverheiratung und Zwangsheirat aufzuklären.

Was Samanah aus der Arbeit mit der Dorfgemeinschaft gelernt hat, kommt auch ihren Kundinnen zugute. «Jeden Tag kommen viele Frauen aus dem Dorf zu uns nach Hause, um Kleider zu bestellen. Ich nutze diese Gelegenheit, um mit ihnen Kinderschutz und frühe Heirat zu diskutieren und mich mit ihnen darüber auszutauschen.» 

World Vision Afghanistan wird junge Frauen wie Samanah auch weiterhin mit Bildung und anderen Massnahmen unterstützen, damit sie in ihrem Umfeld die Verbesserungen bewirken können, die sie für sich und andere wünschen.

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