Schluss mit Perioden-Märchen: Gemüse-Essen macht nicht unfruchtbar

28. Mai 2021

Afghanistan: Ein 15-jähriges Mädchen trägt stolz seine Hygieneartikel mit sich herum.

Homaria und ihr Hygiene-Kit: Jetzt schämt sich das 15-jährige Mädchen nicht mehr für ihre Periode und weiss, die Monatsblutungen sind gesund und natürlich.

Text: World Vision Afghanistan

«Meine Mutter gab mir ein Stück Stoff und sagte mir, ich dürfe niemandem von meiner Situation erzählen, das sei verboten», sagt Homaria, 15, wenn sie sich an ihre erste Menstruation erinnert. Ursprünglich stammt sie aus der Provinz Badghis, doch eine verheerende Dürre zwang ihre Familie vor einigen Jahren, nach Herat zu ziehen und in einer der Siedlungen für Binnenvertriebene zu leben. Für Homaria war der erste Tag ihrer Periode ein beängstigender Tag, denn sie hatte keine Ahnung, was mit ihrem Körper passierte. «Ich konnte nicht aufhören zu weinen und fragte mich, mit wem ich mein Problem teilen sollte. Letztendlich habe ich es meiner Mutter erzählt», erzählt sie.

Menstruation - ein Tabuthema

Menstruation ist ein Tabuthema in Afghanistan. Im Land führen die kulturellen Normen und der Mangel an Wissen dazu, dass Menstruation ein Thema ist, für das sich die Gemeinschaften schämen und das sie verachten. Aus diesem Grund wird fast nie darüber gesprochen, auch zwischen Müttern und Töchtern nicht. Die Vernachlässigung dieses Themas führt zu erheblichen gesundheitlichen Problemen wie Infektionen der Harn- und Geschlechtsorgane, insbesondere bei Mädchen im Teenageralter.

Angesichts der Sensibilität des Themas in Afghanistan und der tief verwurzelten kulturellen Überzeugungen ist es schwierig, das Thema Menstruationshygiene anzusprechen. Mit der Unterstützung von Days for Girls International hilft World Vision Afghanistan 1000 Frauen und Mädchen in den Binnenflüchtlingssiedlungen von Herat dabei, ihre Menstruation hygienisch und ohne Schamgefühl zu erleben. An Veranstaltungen werden Mädchen und junge Frauen aufgeklärt und erhalten Hygieneartikel – viele zum ersten Mal überhaupt. «Ich habe aus Scham nie mit jemandem über meine Menstruation gesprochen. Früher hatte ich das Gefühl, dass ich schmutzig bin und dass dieses Blut ein Zeichen von Unreinheit ist, weil ich keine Ahnung hatte, wofür dieses Blut da ist. Jetzt weiss ich, wie ich mich um meinen Körper kümmern kann und schäme mich nicht mehr für die Menstruation, weil sie ein Zeichen eines gesunden Körpers ist», weiss Homaria heute.

Afghanistan: Mädchen in Herat lernen, wie sie sich ihre Binden selbst nähen.

Einweg-Binden kaufen geht ins Geld. Deshalb lernen die Kursteilnehmerinnen, ihre Mehrfach-Binden selber zu nähen – günstig und ökologisch. 

Verheerende Märchen und Mythen

Die Aufklärungsarbeit hat dazu beigetragen, lang für wahr befundene Märchen über die Menstruation zunichtezumachen. «Früher wurde uns gesagt, wir sollten während unserer Periode kein Gemüse essen und nicht Baden gehen, damit wir nicht unfruchtbar würden.» Dass das alles nicht stimmt weiss Homaira jetzt. Maryam, 30, wurde von ihrer Grossmutter gesagt: «Wasche dich nicht, nachdem du die Toilette benutzt hast, denn das verursacht Unfruchtbarkeit, und gehe nicht spazieren, denn das beschädigt deine Gebärmutter.» Sie sagt: «Jetzt weiss ich, dass diese Mythen langfristig unsere Gesundheit gefährden.»

Fehlender Zugang zu Hygieneartikeln

Der Zugang für Pari, 16, zu Damenbinden war für sie eine Herausforderung. «Wir sind eine grosse Familie, sodass wir uns kaum etwas zu essen leisten können. Ich habe fünf Schwestern und alle müssen jeden Monat Damenbinden kaufen, was für uns sehr teuer ist und wir uns nicht leisten können. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich keine Damenbinden hatte. Es war Zeit, zur Schule zu gehen, und ich wollte die Schule nicht verpassen. Ich hatte einen braunen Schal, den ich sehr mochte. Ich schnitt ihn in Stücke und benutzte ihn als Damenbinde. Ich weinte sehr, weil ich meinen Schal vermisste. Es war nicht das letzte Mal. Das Gleiche musste ich auch mit meinen anderen Kleidungsstücken machen», sagt Pari mit Tränen in den Augen. An den Aufklärungsveranstaltungen hat sie mehrfachverwendbare Binden erhalten und gelernt, wie sie eigene Binden herstellt: «Ich bin jetzt sehr glücklich. Ich kann die Binden mehrfach verwenden, was sehr einfach ist, ohne dafür Geld zu bezahlen. Ich habe das Set meinen Freundinnen gezeigt und sie haben die gleichen Binden genäht, was viel günstiger ist», erzählt Pari.

Afghanistan: Selbstgemachte, wiederverwendbare Damenbinden aus Stoff.

Die Periode ist nichts, wofür man sich schämen muss. Das wissen jetzt auch Homaira, Pari und Maryam. Deshalb dürfen ihre Binden jetzt auch ruhig bunt und wild gemustert sein.

Die Arbeit ist noch nicht getan
Die Frauen und Mädchen, die an den Aufklärungstagen teilgenommen haben, freuen sich über die erhaltenen Hygieneartikel und über das Wissen, dass sie sich für ihre Menstruation nicht zu schämen brauchen, sondern sich über dieses Geschenk freuen können. Trotz dieser Erfolge liegt ein langer Weg vor uns. Nach wie vor wird die Periode in vielen Ländern als Tabuthema behandelt und totgeschwiegen. World Vision setzt sich aktiv dafür, den natürlichen weiblichen Zyklus zu thematisieren und Umdenken anzustossen.

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