Nothilfe übers Telefon: Wie digitale Technologien Menschenleben retten

19. November 2020

Äthiopien: In einem Projekt wird Geld an Bedürftige verteilt.

Dank der Last Mile Mobile Solution wir das Geld unter den Bedürftigen gerecht verteilt.

Text: World Vision Schweiz

Die digitale Transformation verändert von Grund auf, wie wir miteinander kommunizieren, unsere Arbeit organisieren und Dienstleistungen nutzen, Kultur (er)leben, weltweiten Handel betreiben und an politischen Prozessen teilhaben. Auch humanitäre Organisationen nutzen bereits die innovative Kraft digitaler Lösungen, um ihre Arbeit besser, schneller, einfacher und sicherer zu machen.

Ende letzten Jahres waren weltweit mehr als 79 Millionen Menschen auf der Flucht, 820 Millionen Menschen weltweit sind vom Hunger bedroht. Es ist also wichtiger denn je, schnell, flexibel und effektiv zu helfen. Insbesondere Katastrophen und Notfallsituationen wie die COVID-Pandemie erfordern rasches Handeln und effektive Koordination aller Beteiligten.

Digitalisierte Prozesse und datenbasierte Analysen in Echtzeit können helfen, dieses Ziel zu erreichen und Massnahmen flexibel an extreme Situationen anzupassen. Ein Beispiel ist die sogenannte «letzte Meile», die Organisationen wie World Vision bei der Verteilung von Hilfsgütern immer wieder vor komplexe organisatorische und logistische Herausforderungen stellt. 

In Zusammenarbeit mit IT-Spezialisten entwickelte World Vision darum bereits im Jahre 2008 das System LMMS (Last Mile Mobile Solutions). Diese innovative eigenständige Lösung wird inzwischen von mehr als 20 Organisationen dazu eingesetzt, um zum Beispiel die Verteilung von Hilfsgütern zu planen und durchzuführen. Eine Vielzahl von Schnittstellen ermöglicht die Integration verschiedenster Partner und Dienstleister für unterschiedliche digitale Prozesse und Hilfsangebote.

Nothilfe in Zeiten von Corona

Gleichzeitig ist LMMS so einfach und pragmatisch aufgebaut, dass die Technologie auch offline oder in schwierigen Lagen eingesetzt werden kann, beispielsweise in der Corona-Pandemie.

Philippinen: Eine Frau erhält Geld von einem World Vision-Projekt.Geld in Not: Ellys Mann kann aufgrund der Pandemie nicht mehr Arbeit. Das Geld fehlt bei der Ernährung ihrer Kinder.

Ellyn nahm vor Kurzem an einem LMMS-gesteuerten Projekt teil. Sie ist 24 Jahre alt, Hausfrau und Mutter von zwei Kindern und eine von 650 Personen, die im Rahmen einer regionalen COVID-Nothilfe auf den Philippinen eine Auszahlung in Höhe von 1’000 Pesos (ca. CHF 19) über das LMMS erhalten hat. Ihr Ehemann arbeitet als Wachmann in Manila und kann aufgrund der Quarantäne weder Geld schicken noch heimkehren.

Philippinen: LMMS-Formular für Essensbezug.Mithilfe eines einfachen Formulars kann Elly Geld für dringend benötigtes Essen beziehen.

«Es war sehr leicht, die Nothilfe zu beantragen», berichtet Ellyn, die sich und ihre Familie von Mais ernähren muss, den die Familie selbst anbaut und der kaum ausreicht, um ihre kleinen Kinder satt zu bekommen. «Für den Antrag wurde nicht viel benötigt und es gab nur ein Formular. Das habe ich ausgefüllt und dann auf einen Rückruf gewartet.»  Per Telefon erhielt sie einen Code und konnte zu einer vorher vereinbarte Zeit das Geld abholen, um dringend benötigte Lebensmittel für sich und ihre Familie zu kaufen. Die digital gesteuerte Antragstellung und Auszahlung half auch dabei, dass alle Beteiligten ausreichend Abstand voneinander halten konnten, um Ansteckungen zu vermeiden.

Gemeinsam helfen

Aber auch komplexe überregionale Projekte können über LMMS organisiert werden. Das gilt insbesondere für Projekte, die neben reibungsloser Abwicklung der Hilfeleistungen auch gemeinsame Koordination verschiedener Hilfsorganisationen und Regierungsinstitutionen sowie eine gut funktionierende Zusammenarbeit mit privatwirtschaftlichen Unternehmen wie Banken und Zahlungsdienstleistern erfordert.

Äthiopien: World Vision-Mitarbeiter erklären das Last Mile Mobile Solution.Mitarbeiter von World Vision Äthiopien erklären die Verwendung von LMMS in ihrem Projekt.

In Äthiopien wurde im März 2019 ein solches umfangreiches Hilfsprojekt über LMMS umgesetzt. In den Regionen Oromia und Somali sollten zahlreiche von Dürre und Konflikt betroffene Familien eine Nothilfe in Form von Geldauszahlungen erhalten. Es galt, fünf verschiedene Hilfsorganisationen in das Projekt zu integrieren und für alle Betroffenen eine sichere und einfache digitale Identifikationskarte für Auszahlungen zu etablieren, die von kommerziellen Banken und Zahlungsdienstleistern anstelle der sehr viel aufwändigen Berechtigungsscheine auf Papier akzeptiert würde. 

Gemeinsam konnten die fünf Organisationen einen äthiopischen Zahlungsdienstleister von der Effektivität und Legitimität der LMMS-Methode überzeugen. Schnell folgten andere Dienstleister und Banken, um mit der Marktentwicklung Schritt zu halten. Das Ergebnis: schlankere Prozesse, deutlich weniger Verwaltungskosten und schnelle Hilfe für die Betroffenen. Das digitale Erfolgsmodell wirkt: Seit der Einführung von LMMS kam das System bereits in mehr als 30 Ländern zum Einsatz und erreicht jährlich 5 Millionen Menschen, denen dank dieser digitalen Innovation effizienter, gerechter und reibungsloser geholfen werden konnte.

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