Kinderarbeit: Für immer arm?

12. Juni 2020

Kambodscha: Ein Junge mit Werkzeug über den Schultern arbeiten.

Schätzungsweise 152 Millionen Kinder und Jugendliche arbeiten unter Bedingungen, die mit den Kinderrechten nicht vereinbar sind.

Text: Iris Manner, World Vision Deutschland 

Meine erste Begegnung mit Kinderarbeit hat mir vermutlich Johanna Spyris Roman «Heidi» beschert. Den «Ziegenpeter» beneidete ich ein bisschen um seine Freiheit in den Schweizer Bergen, obwohl die wirtschaftliche Not als Hintergrund seines Jobs durchschien. Viele Jahre später fand ich es auch gar nicht abwegig, dass mein fünfjähriger Sohn von einem senegalesischen Nomaden das Ziegenhüten lernen sollte, «denn Kinder sollten früh lernen, Verantwortung zu tragen», meinte damals der Nomaden-Anführer.

Ganz andere Gedanken kamen mir, als ich auf den qualmenden Müllbergen in den Metropolen Manila und Nairobi Kinder arbeiten sah. Völlig ungeschützt gegen Verletzungen, Vergiftungen und Verbrennungen sammelten sie verkaufbare Abfälle. Als Recycler schon Profis, aber letztlich nur Sklavenarbeiter von Kartellen, die mit dem Müll aus aller Welt Profit machen. Für mich war das Sinnbild für eine Menschheit, die den Bezug zu sich selbst und zu ihrer Zukunft verloren zu haben scheint. Doch unsere Möglichkeiten daran etwas zu ändern, sind grösser als es oft scheint. Das hat mir unter anderem einer der Müllsammler gezeigt, der heute ein engagierter World Vision-Mitarbeiter ist.

Fast jedes 10. Kind muss arbeiten
152 Millionen Kinder und Jugendliche arbeiten nach aktuellen Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) unter Bedingungen, die mit den Kinderrechten nicht vereinbar sind und sie ihrer Chancen berauben. Demzufolge ist fast jedes 10. Kind auf der Welt ein Kinderarbeiter.

Man muss Europa gar nicht verlassen, um Kinderarbeiter zu finden oder Menschen zu begegnen, die aus eigener Erfahrung darüber berichten können. Aber in den ärmeren Teilen der Welt sind es ungleich mehr. In der Asien-Pazifik-Region gibt es laut offiziellen Schätzungen 78 Millionen Kinderarbeiter, in Wirklichkeit vermutlich viel mehr. In Afrika südlich der Sahara ist der Anteil arbeitender Kinder am grössten: Etwa jedes fünfte Kind ist betroffen. Fast die Hälfte aller Kinderarbeiter (48 Prozent) sind übrigens sehr jung, nämlich zwischen 5 und 11 Jahre alt.

Die grassierende COVID-19-Pandemie verschlimmert die Situation für die Kinder noch einmal. Laut einer neuen Studie von World Vision wird es wegen den Folgen der globalen Krise in den nächsten zwei Jahren deutlich mehr Kinderarbeit geben. 

Angola: Ein Junge reitet auf einem Esel. Der Esel trägt leere Wasserkanister.Eine einfache Lösung gegen Kinderarbeit gibt es nicht. Es braucht eine Zusammenarbeit auf vielen Ebenen.

Was ist Kinderarbeit
Als «Kinderarbeit» werden Arbeiten bezeichnet, für die Kinder entweder zu jung sind oder die gefährlich, ausbeutend oder aus anderen Gründen schädlich für ihre körperliche und seelische Entwicklung sind. Auch Arbeiten, die Kinder vom Schulbesuch abhalten, zählen dazu.

Dadurch unterscheidet sich Kinderarbeit (im Englischen child labour) von normalen Aufgaben, die zum Beispiel im Haushalt anfallen, oder auch von Schülerjobs und anderen legalen Beschäftigungen. Die meisten Länder haben ein Mindestalter für die legale Beschäftigung Jugendlicher festgelegt (zwischen 14 und 16 Jahre) und in Gesetzen genau definiert, welche Bedingungen zum Schutz des Kindeswohls erfüllt sein müssen.

Die Ausbeutung von Kindern widerspricht den weltweit gültigen Kinderrechten und beraubt die betroffenen Mädchen und Buben häufig sowohl ihrer Kindheit als auch vieler Lebenschancen. Deshalb muss Kinderarbeit verhindert oder beendet werden.
Zu den schlimmsten Formen von Kinderarbeit zählen nach der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO):

  • Alle Formen der Sklaverei wie Verkauf und Handel mit Kindern, Schuldknechtschaft, Leibeigenschaft, Zwangsarbeit einschliesslich des Einsatzes von Kindersoldaten
  • Kinderprostitution und Kinderpornografie
  • Kinder in illegalen Beschäftigungen wie in der Drogenherstellung und im Drogenhandel
  • Gefährliche Arbeit, die voraussichtlich der Gesundheit, der Sicherheit oder der Sittlichkeit von Mädchen und Jungs schadet

Wie kann man Kinderarbeit weltweit wirksam überwinden?
Eine einfache Lösung gibt es nicht. Zusammenarbeit auf vielen Ebenen ist bei sehr wichtig. Und wie bei anderen Themen auch, sollten betroffene Kinder und Jugendliche mit ihren Ideen unbedingt einbezogen werden.
Regierungen sind in der Verantwortung, Gesetze zum Schutz von Kindern durchzusetzen und Rahmenbedingungen für Entwicklungsmöglichkeiten zu verbessern. Sie brauchen dazu aber Unterstützung vieler Akteure und manchmal auch gesellschaftlichen Druck. 

World Vision engagiert sich schon seit vielen Jahren für die Stärkung der Kinderschutz-Systeme in aller Welt und für umfassende Massnahmenpakete, die auf die verschiedenen Ursachen und Facetten von Kinderarbeit einwirken:

  • World Vision klärt Familien und Arbeitgeber über die Schäden durch Kinderarbeit auf 
  • Kinder und Jugendliche unterstützen wir dabei, ihre Rechte einzufordern 
  • In unseren Entwicklungsprojekten beugen wir den Ursachen von Kinderarbeit vor, indem wir mit Familien neue Einkommensmöglichkeiten finden und Bildungsangebote zugänglich machen bzw. verbessern. 
  • Wir unterstützen Jugendliche nach einem Schulabbruch dabei, entweder eine Ausbildung zu erhalten oder zurück in die Schule zu gehen
  • Wir stärken Kinderschutz-Netzwerke, die u.a auf die Einhaltung der Gesetze gegen ausbeuterische Kinderarbeit dringen und Hilfen für arbeitende Kinder vermitteln
  • Ausserdem haben Kinderschutz-Massnahmen und Bildungsangebote für Kinder in Krisen einen hohen Stellenwert in unserer humanitären Hilfe. 
  • Wir arbeiten gemäss den Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation und den Definitionen zum Kinderschutz durch die UN.

Mit einer Kinderpatenschaft sorgen Sie dafür, dass Kinder in einer sicheren Umgebung gesund aufwachsen und zur Schule gehen können anstatt zu arbeiten. Jetzt Leben verändern!
 

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