Frauentag: Gleichstellung schon vor der Geburt

8. März 2017

Männer backen mit ihren Töchtern Guetzlis in Armenien.

Männer aus Armenien backen gemeinsam mit ihren Töchtern Guetzlis.

Mitte Januar auf einem Eisfeld eines zentralen Platzes in Jerewan, der Hauptstadt Armeniens: 6 Familien – Mütter, Väter und ihre Kinder – spielen zusammen und messen sich in verschiedenen lustigen Wettbewerben. Später gehen alle zusammen zum Guetzli-Backen in die warme Stube und haben vor allem eines: viel Spass. Doch was hat das mit dem heutigen internationalen Tag der Frau zu tun? Dem Tag, an dem wir die beeindruckenden Leistungen von Frauen, die unsere Welt verändern, feiern?

Nun, hinter dem «Spielnachmittag» steckt ein Projekt von World Vision, genannt «Caring for Equality» – frei übersetzt «Einsatz für Gleichberechtigung». Das Kinderhilfswerk will damit langfristig die Kultur, das Verhalten und die Einstellung gegenüber Mädchen und Frauen zum Guten verändern. Gleichberechtigung zwischen Mädchen und Buben soll gefördert sowie schädliches Verhalten verhindert werden und Männer sollen mehr und mehr dazu gebracht werden, in der Erziehung der Kinder mitzuwirken.

In einem Punkt zeigt sich die Ungleichberechtigung von Mann und Frau in Armenien exemplarisch: Der geschlechtsbezogenen Abtreibung. Oder anders ausgedrückt: Die Embryos werden getötet, nur weil sie das falsche Geschlecht haben.

Wann die Geschlechtsfrage lebensbedrohlich wird
Die pränatale Geschlechtsauswahl ist ein relativ neues Phänomen. Ursprünglich bekannt ist es aus Ost-Asien. Aber seit den 1990er-Jahren kommt es auch immer mehr in osteuropäischen Ländern, im Kaukasus und zunehmend auch in Westeuropa vor. Gemäss SRF kann die Geschlechterfrage auch in der Schweiz insbesondere bei Migrantenfamilien zu Abtreibungen führen. Ende Februar hat die Ethik-Kommission des Nationalrates in einer Stellungnahme empfohlen, dass werdenden Eltern das Geschlecht des Kindes in den ersten 12 Wochen der Schwangerschaft – also in der Zeit, in der eine Abtreibung noch legal ist – mitgeteilt werden soll.

Obwohl geschlechtsbezogene Abtreibung in den unterschiedlichsten kulturellen und sozialen Kontexten vorkommt, lassen sich doch 3 Faktoren erkennen, die in allen gegeben sind: Einerseits werden in einer streng patriarchalischen Gesellschaft kulturell bedingt männliche Nachkommen den Mädchen vorgezogen. Für die Familien ist es wichtig, einen «Stammhalter» zu haben. Zweitens muss der Zugang zu moderner Technologie gegeben sein, mit deren Hilfe überhaupt das Geschlecht des Kindes bestimmt werden kann. Und schliesslich führen niedrige Geburtenraten dazu, dass überhaupt nur wenige Kinder auf die Welt kommen.

In Armenien sind alle diese Faktoren gegeben. Eine Studie des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen UNFPA hat gezeigt, dass 65 % der Armenier lieber einen Sohn als einer Tochter haben. Gemäss nationalen Statistiken kamen 2012 auf 100 Mädchen 114 neugeborene Buben – ein krasses Missverhältnis. Auf der ganzen Welt haben nur noch China (118) und Aserbaidschan (116) unausgeglichenere Raten. Normal ist ein Verhältnis von etwa 105 Buben. Sollte dieser Trend nicht nachlassen, werden gemäss Berechnungen in Armenien im Jahr 2060 93‘000 Frauen fehlen.

Langfristiger Sinneswandel durch moderne Vorbilder
Die armenischen Behörden haben erkannt, dass es so nicht weitergehen kann und ein Gesetz vorbereitet, das Abtreibungen aufgrund des Geschlechts verbieten soll. World Vision unterstützt dies, ist aber auch der Meinung, dass Gesetze alleine keine Veränderung bringen: Es braucht einen nachhaltigen Sinneswandel in der Gesellschaft. «Mit Veranstaltungen wie dem Spielnachmittag wollen wir Vorbild-Familien schaffen und Stereotype brechen», erklärt Marina Hovhannisyan von World Vision Armenien. Diese Familien inspirierten nachher andere, ebenfalls ein modernes Geschlechterbild anzunehmen. So können langsam alte Traditionen aufgebrochen werden und die Rolle der Frau in der Gesellschaft gestärkt werden.

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