Es ist Zeit zum Handeln!

29. November 2021

Text: World Vision. Nach einem Artikel von Asuntha Charles, National Director of World Vision Afghanistan

«Stellen Sie sich vor, es wäre Ihr kleines Mädchen, Ihr kleiner Junge oder Ihr Enkelkind, das zu verhungern droht. Sie würden alles tun, was Sie können», sagte David Beasley, Leiter des UN-Welternährungsprogramms, in der BBC. Er appellierte damit an die Verantwortlichen in der Welt und in der Wirtschaft, sich zu engagieren und zu spenden. Den es ist eine schockierende Tatsache, dass man in Afghanistan jetzt sogar Kinder kaufen kann.

Schreckliche Entscheidungen, um zu überleben

Afghanische Mütter und Väter stehen in diesen Tagen vor der schrecklichen Entscheidung, welches Kind sie für Lebensmittel verkaufen wollen. Verzweifelte Familien verkaufen ihre eigenen Töchter, verheiraten sie mit älteren Männern oder in die Sklaverei. Dies gab es zwar schon vor der Machtübernahme durch die Taliban, durch die derzeitige Hungerkrise ist es jedoch noch viel schlimmer geworden. 

Jetzt zählt jede Hilfe!

Afghanistan: Medizinisches Personal misst den Armumfang eines Kindes.

Medizinisches Personal misst den Armumfang der Kinder, um festzustellen, wie mangelernährt sie sind.

Die schlimmste Hungerkrise seit Menschengedenken

Nahrungsmittelprogramme wie die von World Vision durchgeführten decken den Bedarf vieler Tausender Menschen. Doch die Zahl der vom Hunger Bedrohten wächst rasant – daher geschehen solche Dinge. Auch viele der früheren Aktivitäten zum Schutz gefährdeter Kinder konnten nach dem Wechsel in der nationalen Führung nicht wieder aufgenommen werden.

Afghanistan steht vor seiner schlimmsten Hungerkrise seit Menschengedenken. Die neuesten Statistiken zeigen, dass mehr als die Hälfte der 40 Millionen Einwohner akut unterernährt ist und dass Kinder an Hunger sterben. Teil dieser schrecklichen Zahl sind fast neun Millionen Menschen am Rande des Hungertodes. In diesem Zusammenhang werden unzählige Kinder zum Betteln geschickt, in gewalttätige Familien verheiratet, zu gefährlicher und ausbeuterischer Arbeit gezwungen und von der Schule genommen. 

Im Winter von Nahrungsmittelhilfe abgeschnitten 

Der Winter wird das bringen, was alle fürchten: Die Lage wird sich schnell verschlimmern. Bald werden Schneefälle den Zugang zu entlegenen Gebieten verhindern – sie könnten bis zu vier Monate lang abgeschnitten sein. Um Nahrungsmittelhilfe in Dörfer zu bringen, ist es dann zu spät: Sie sind nicht mehr zugänglich.

World Vision ist seit 20 Jahren vor Ort und leistet eine Reihe humanitärer und entwicklungspolitischer Arbeit. Doch die derzeit kritischste Aktivität ist die Bereitstellung von Nahrungsmitteln für Notfälle. 15 mobile Kliniken müssen darauf zugreifen können. Von den 3600 Kindern unter fünf Jahren, die wir im Oktober in Kliniken in den Provinzen Herat und Ghor behandelten, litten 808 an mässiger akuter oder schwerer akuter Unterernährung, 2694 Kinder wurden wegen akuter Atemwegsinfektionen behandelt. Es ist herzzerreissend, diese Kliniken zu besuchen und junge Mütter zu treffen, die von ihrem Kampf um das Überleben mit fast nichts erzählen. Das medizinische Personal in diesen Kliniken kümmert sich um die Schwächsten. Darunter sind Menschen, die durch Konflikte vertrieben wurden und in bitterer Armut leben. Das medizinische Personal misst den Armumfang der Kinder, um festzustellen, wie unterernährt sie sind.  Die Schwächsten werden auf spezielle Ernährungsstationen in Krankenhäusern geschickt. Diese Stationen sind voll mit Kindern – manchmal teilen sich mehrere ein Bett. Und immer häufiger sterben Kinder.  

Afghanistan: Frau mit Kind im Arm sieht zu einem Berg.

Die Aussicht auf den Winter ist schlimm: Bald werden Schneefälle den Zugang zu entlegenen Gebieten verhindern.

Eine Million afghanischer Kinder vom Tod bedroht

Die Lage war bereits schlecht, bevor die Taliban im August die Kontrolle über Kabul übernommen haben. Die Gründe dafür waren eine Dürre, die sich durch den Klimawandel höchstwahrscheinlich noch verschlimmert hat, und ein Konflikt, der Zehntausende von Menschen vertrieben hat. Die Lage hat sich seither noch erheblich verschlimmert. Internationale Finanzmittel, mit denen wichtige Sektoren wie Gesundheit, Bildung und Entwicklung unterstützt wurden, sind weitgehend eingestellt worden. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen, weil die Weltbank die normale Finanzierung der Gehälter und der Betriebskosten von Krankenhäusern und Kliniken eingestellt hat. Sanktionen, Massnahmen zur Terrorismusbekämpfung und Beschränkungen der Geldströme nach Afghanistan haben zu einer Finanzierungs- und Liquiditätskrise geführt. Das afghanische Volk zahlt nun einen hohen Preis für diese Beschränkungen: eine neue Klasse von Hungernden in den Städten, sie sind arbeitslos und mit einer Wirtschaft im freien Fall konfrontiert. Es wird erwartet, dass die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren – etwa 3,2 Millionen – bis Ende des Jahres an akuter Unterernährung leiden werden. Eine Million Kinder sind ohne sofortige lebensrettende Behandlung vom Tod bedroht.  Jeden Tag versuchen Tausende von Menschen, Afghanistan zu verlassen, um der Krise zu entkommen oder um Arbeit zu finden und Geld nach Hause zu schicken. Wenn diese Krise nicht angegangen wird, könnte sie vor den Toren Europas enden, so wie beim Syrienkonflikt im Jahr 2015, als der Konflikt und die Kürzung der Nahrungsmittelhilfe eine Massenmigration auslösten.

Hilfe muss jetzt, vor dem Winter, aufgestockt werden!

So wie es einer massiven internationalen Operation bedurfte, um Tausenden von Menschen bei der Evakuierung Kabuls nach der Machtübernahme durch die Taliban zu helfen, wird es etwas Ähnliches unter den humanitären Hilfsorganisationen und UN-Organisationen brauchen, die noch in Afghanistan sind, um die Menschen in den kommenden Monaten zu ernähren. Obwohl die Regierungen der Geberländer nach einer Welle der Unterstützung und der weltweiten Aufmerksamkeit kürzlich mehr als 1 Milliarde USD zugesagt haben, ist die humanitäre Hilfe für Afghanistan nach wie vor unterfinanziert. Um die Nahrungsmittellieferungen aufrecht zu erhalten, werden mehr als 200 Mio. USD pro Monat benötigt. World Vision Afghanistan hat seit Anfang Oktober mehr als 120'000 Menschen mit WFP-Nahrungsmitteln versorgt und damit die Rationen für diejenigen verdoppelt, die bald von der Versorgung abgeschnitten sein werden. Aber es müssen noch viel mehr Menschen erreicht werden. 

Bald ist es zu spät

Der Zeitplan und der Verlauf dieser Notsituation werden allmählich deutlich. In wenigen Wochen werden die Menschen in vielen Ländern beim Weihnachtsessen und beim Auspacken der Pakete sitzen und dann im Fernsehen Bilder von hungernden und ausgemergelten Kindern in verarmten afghanischen Dörfern sehen. Das wird das Äquivalent zum Tsunami am zweiten Weihnachtsfeiertag in Asien sein, wenn es um Hunger geht. Es wird ein Übermass an Händeringen und Grosszügigkeit geben. Aber dann wird es schon zu spät sein. Es wird nahezu unmöglich sein, Lebensmitteltransporter über die Bergpässe zu bringen. Und die durch Unterernährung geschwächten Kinder werden bereits an der Kälte, an Krankheiten wie Tuberkulose und Atemwegsinfektionen sterben. Als 2012 in Somalia endlich die Hungersnot ausgerufen wurde, waren viele der 260'000 Menschen, die in der Zeit an Hunger sterben würden, bereits gestorben. Das Ausmass dieser Krise in Afghanistan könnte noch schlimmer sein. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich so etwas wiederholt.

Die Zeit zum Handeln ist jetzt gekommen. Ihre Hilfe zählt! 

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