«Es ist schrecklich, Arzt zu sein und nicht helfen zu können»

10. Mai 2021

Indien: Arzt Dr. P Carel Joseph berichtet über die Situation in seiner Heimat.

Dr. P Carel Joseph muss zusehen, wie Menschen Zuhause, auf der Strasse oder in den Krankenwagen vor dem Spital sterben, da es an Betten und Sauerstoff mangelt.

Text: Dr. P Carel Joseph, Direktor für Gesundheit bei World Vision Indien

Es ist besonders niederschmetternd, ein Arzt zu sein und nicht helfen zu können. Man hat das Gefühl, alles zu haben, aber nichts tun zu können. Das Entmutigendste ist, dass wir das Wissen haben, aber uns trotzdem hilflos fühlen. Wir können jemandem, der an COVID-19 leidet oder sogar daran stirbt, nicht helfen, ein Bett oder Sauerstoff zu bekommen. Es ist ein schreckliches Gefühl, heute ein Arzt zu sein und nicht in der Lage zu sein, ein Krankenhausbett zu finden, selbst für die eigenen Angehörigen nicht.

Nicht nur COVID-19 tötet, der Mangel an Sauerstoff auch

Die zweite Welle von COVID-19 in Indien ist wie nichts, was wir je zuvor gesehen haben. Ich bin ein Spezialist für Infektionskrankheiten. Ich habe schon Ausbrüche von Tuberkulose, HIV und anderen sehr gefährlichen Krankheiten gesehen. Der Unterschied hier ist, dass wir einfach keine Zeit hatten, uns auf das riesige Ausmass, die Anzahl und die Schwere der Fälle vorzubereiten. Es ist erschreckend.

Die Krankenhausbetten haben Wartelisten. Auf jedes warten bis zu 75 Patienten. Das war die Realität in den letzten zwei oder drei Wochen in ganz Indien. Und es gibt einen massiven Mangel an Sauerstoff. Krankenhäuser im ganzen Land suchen händeringend nach Sauerstoff. Betten mit Beatmungsgeräten sind ein ferner Traum geworden. Nur ein kleiner Teil der Infizierten kann überhaupt in ein Krankenhaus kommen. Für die meisten fehlt der Platz. Selbst diejenigen, die sehr krank sind, warten draussen, in Krankenwagen vor den Eingangstoren des Spitals, auf der Strasse oder zu Hause. Diese zweite Welle ist anders als die erste. Die Menschen werden schneller krank, und wenn sie das Krankenhaus erreichen, ist es meist schon zu spät. Es ist nicht nur das Virus, das die Menschen tötet, es ist der Mangel an dem grundlegendsten Element, dem Sauerstoff. Das ist es, was die Krise an diesem Punkt anheizt. Wir sind am Boden zerstört und wissen nicht, was in den nächsten Wochen passieren wird. Darauf haben wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Antwort.

Die wahre Krise

Bis jetzt hat COVID-19 vor allem die grossen Städte Indiens getroffen. Ich habe grosse Angst davor, was mit der Landbevölkerung passieren könnte, wenn sich die Krankheit dort ausbreitet. Das ist die nächste tickende Zeitbombe. Die Krankeitsfälle in Dörfern wie Uttar Pradesh, Bihar, Rajasthan, Maharashtra, Andhra Pradesh und Telangana steigen bereits an. Wenn die Nachfrage nach medizinischer Versorgung in diesen ländlichen Gebieten wirklich steigt, dann ist das die wahre Krise. Sie haben nicht die Einrichtungen, um damit fertig zu werden. Sie haben keine Krankenhäuser, keine Ärzte, keine Krankenschwestern - definitiv keine Sauerstoffversorgung. An manchen Orten gibt es nur traditionelle Heiler, an einigen Orten vereinzelt auch Gesundheitsarbeiter, aber ohne Einrichtungen. Eine Katastrophe in den ländlichen Gebieten ist nur eine Frage der Zeit.

Als World Vision werden wir unser Bestes geben, der Krise zu begegnen. Wir haben die Erfahrung gemacht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, um den Bedürftigsten zu helfen, in Indien und auf der ganzen Welt. Und wenn die Not in den ländlichen und ärmeren Teilen meines Landes zunimmt, werden wir auch dort sein.

Wir können dies nur mit der Unterstützung von Menschen wie Ihnen tun. Ihre Unterstützung wird helfen, Leben zu retten, indem bestehende Gesundheitssysteme gestärkt werden. Jetzt spenden!

 

Dr. P Carel Joseph ist Direktor für Gesundheit bei World Vision Indien. Er ist Experte für öffentliche Gesundheit und Infektionskrankheiten und war bereits als Berater für die Weltgesundheitsorganisation WHO und die UN tätig.

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