Ein Mädchen gegen 600 Kinderehen

15. August 2021

Dola, eine Aktivistin aus Bangladesch, besucht die Vereinten Nationen in Genf.

«Kinderheirat ist für Kinder ein Fluch»: Dola, eine Aktivistin aus Bangladesch, kämpft dagegen an.

Jetzt Kinderpatenschaft übernehmen

Text: World Vision Schweiz
 
Wenn Dola über Kinderheirat spricht, beginnt sie oft mit der Geschichte ihrer Mutter. Dolas Mutter war 13 Jahre alt, als sie verheiratet wurde. Sie träumte davon, später einmal in einer Bank zu arbeiten. Doch in der verarmten Gegend in Bangladesch, in der sie aufwuchs, war das für Mädchen keine Option - schon gar nicht nach der Heirat. Ihr Mann, Dolas Vater, war sieben Jahre älter. Sie hatte in der Ehe von Anfang an nichts zu sagen. Mit 18 bekam sie ihr erstes von vier Kindern. Dola ist ihre jüngste Tochter.
 
Dola hat es nicht nur geschafft, dem Schicksal ihrer Mutter zu entgehen. Seit Jahren rettet sie auch andere Mädchen und Jungen in Bangladesch vor der Zwangsheirat, und hat insgesamt mehr als 600 solcher Ehen gestoppt. Als Aktivistin für das «National Child Forum of Bangladesh», einer Kinderschutzorganisation, die von World Vision unterstützt wird, hat sie sich zum Ziel gesetzt, die Kinderheirat in Bangladesch abzuschaffen.

Die eigene Erinnerung als Lösung
 
«Kinderheirat ist für Kinder ein Fluch», argumentiert Dola. In ihrer Gemeinde hat sie eine Geheimwaffe im Kampf gegen die Kinderehe entdeckt: Sie fragt Mütter nach ihren eigenen Kindheitserinnerungen, und macht ihnen dadurch klar, wie brutal sich die Zwangsheirat auf ihr Leben ausgewirkt hat. Denn in traditionellen Gemeinden waren sehr frühe Ehen zumindest in der Elterngeneration oft die Norm.
 
Dola kam auf diese Strategie, weil sie einmal ihre eigene Mutter nach ihren Kindheitserinnerungen fragte, und diese meinte, sie habe keine. Dola war schockiert. Ihr wurde klar, dass die Suche nach Erinnerungen – oder der Abwesenheit von Erinnerungen – ein effektiver emotionaler Ansatz sein könnte. Er macht den Müttern an ihrem eigenen Beispiel klar, dass die frühe Ehe Mädchen die Kindheit raubt.  

 
Dola, eine Aktivistin, hält eine Rede über die Kinderehe vor den Vereinten Nationen in Genf.
Dola spricht vor den Vereinten Nationen in Genf über ihre Kampagne gegen Zwangsheirat.
 
Letztes Jahr hat Dola als Delegierte ihrer Organisation vor den Vereinten Nationen in Genf eine Rede über ihre Kampagne gehalten. Ihre Arbeit wirft ein Licht auf eine Grauzone zwischen Gesetz und Praxis, einen wenig überwachten Bereich der Gesellschaft, wo familiäre Entscheidungen mehr wiegen als offizielle Regeln. Denn das gesetzliche Mindestalter für die Heirat ist in Bangladesch nicht niedriger als anderswo. Frauen können mit 18 heiraten, Männer mit 21. Es wird allerdings in der Praxis oft einfach ignoriert, oder man beruft sich auf Ausnahmen. Nur mit Gesetzen und der Strafverfolgung kann man der Frühverheiratung also schwer beikommen.
 
Stattdessen arbeitet Dola mit der Polizei und dem Kinderschutz zusammen, um Familien über die Gefahren der Kinderheirat aufzuklären und im Ernstfall einzugreifen. Sie vermittelt den Familien, dass das Leben ihrer Töchter genauso wertvoll ist wie das der Söhne. Jedes Jahr erreicht sie Tausende von Familien durch Kampagnen, kulturelle Aktivitäten und sogar Theaterstücke, die auf das Problem aufmerksam machen. 

Nach Dolas Erfahrung sind viele Eltern durchaus bereit, ihre Meinung zu ändern, wenn sie mehr über die Risiken der Kinderehe erfahren.  

Kein Schutz, sondern Schaden
«Manche Eltern aus traditionellen Gemeinden glauben, dass die Kinderheirat ihre Tochter schützen wird. Sie denken, dass die Ehe sie wirtschaftlich schützt, und auch vor Belästigungen und sexueller Gewalt noch vor der Pubertät schützt», so Dola. Ausserdem beugt eine extrem frühe Ehe aus Sicht der Eltern ausserehelichen Beziehungen vor, die in Bangladesch wie auch in vielen anderen Ländern ein grosses Tabu sind. 

Durch die COVID-19-Pandemie und ihre wirtschaftlichen Konsequenzen verschärft sich das Risiko solcher Ehen, da viele verarmte Familien die Verheiratung ihrer Kinder als einzigen Ausweg aus der Not sehen. Laut einer Studie von World Vision steigt zum Beispiel momentan auch in Syrien die Zahl der Kinderehen an, weil die verzweifelten Familien nicht wissen, wie sie sonst ihre Kinder ernähren können.

Ein Mädchen in einem Slum in Rangpur, Bangladesch, schaut aus dem Fenster.Dieses Mädchen in einem Slum in Rangpur, Bangladesch, möchte einmal als Ärztin arbeiten – statt schon als Kind zur Mutter zu werden.

Dola erklärt Eltern in Bangladesch, dass die Kinderehe die Mädchen gar nicht schützt. Im Gegenteil, sie gefährdet ihre Gesundheit und ihr Leben. Eine frühe Schwangerschaft ist zum Beispiel hochriskant für Mädchen, da ihr Körper noch nicht für die Strapazen der Geburt bereit ist. Weltweit sind Komplikationen durch Schwangerschaft und Geburt die häufigste Todesurchsache bei Mädchen zwischen 15-19 Jahren. 
 
Minderjährige sind auch weniger in der Lage, sich gegen häusliche Gewalt zu wehren. Selbst erwachsene Frauen erleben oft körperliche und emotionale Gewalt durch den Partner. Bei Kindern, die zwangsverheiratet werden, ist diese Gefahr noch grösser, denn schliesslich zählte ihre Stimme schon vor der Heirat nicht. Sie haben nie gelernt, ihre Rechte zu verteidigen. Dola hat das bei ihrer Mutter selber miterlebt. Sie wurde sowohl von ihrem Ehemann als auch ihrem Schwiegervater misshandelt.

Diese Hilflosigkeit bestimmt dann oft ein ganzes Leben, auch wenn die einstigen zwangsverheirateten Kinder älter werden.
 
«Wenn Mädchen vor ihrem 18. Lebensjahr heiraten, brechen sie meistens die Schule ab und geben ihr Recht auf Bildung auf. Sie verlieren damit ihre zukünftige Unabhängigkeit», so Dola. 

Eine Spirale der Machtlosigkeit entsteht, die oft bedeutet, dass die Mütter ihre eigenen Töchter ebenfalls schon als Kinder in die Ehe geben, weil sie es nicht anders kennen oder es nicht wagen, dem Ehemann zu widersprechen.
 
Dola hat es geschafft, dieser Spirale zu entkommen. Ihre Mutter hat sie dabei unterstützt. Sie ist stolz auf ihre Tochter und wollte nicht, dass auch Dolas Leben durch die Zwangsheirat zerstört wird. «Um eine bessere und sicherere Welt für Kinder zu erschaffen, müssen wir die Kinderehe verhindern», erklärt Dola. 

Kinderehen sind vermeidbar. Familien können umgestimmt werden. Eltern können dazulernen. Mädchen können ihre Zukunft und Chance auf Bildung zurückerobern. Mit einer Kinderpatenschaft geben Sie Kindern ihre Kindheit zurück.
 

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