Die 5 häufigsten Formen der Gewalt an Frauen - und was wir dagegen tun

23. November 2021

Indien: 5-junge Mädchen in bunten Saris, stehen in einer Reihe, teilweise mit verschränkten Armen und blicken ernst in die Kamera.

Die Hena Girl Power wurde gegründet, um Mädchen zu befähigen, sich selbst und ihre Altersgenossen vor Menschenhändlern zu schützen. Die Gruppen decken Vorfälle von Menschenhandel, Kinderheirat und anderer Gewalt auf und versuchen sie zu unterbinden.

Text: World Vision Schweiz

TRIGGERWARNUNG: Dieser Artikel enthält wahre Geschichten von körperlicher und seelischer Gewalt gegen Mädchen und Frauen.

Gewalt gegen Frauen gilt als Menschenrechtsverletzung und fasst alle Handlungen geschlechtsspezifischer Gewalt gegenüber Frauen zusammen, die körperliche, sexuelle, psychische oder wirtschaftliche Konsequenzen zur Folge haben. Weltweit erlebt eine von 3 Frauen im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt – meist durch eine Person aus ihrem direkten Umfeld. Die Dunkelziffer dürfte allerdings um einiges höher liegen.


 Indien: Ein Mädchen versteckt sich hinter einem Vorhang, nur ihren Kopf ist bis zu den Augen zu sehen.Kabitas (12) Vater wurde aufgrund des harten Lockdowns in Indien arbeitslos. Die Familie musste ohne den Verdienst des Vaters Hunger leiden. Kabita berichtet: «Papa schlägt uns, wenn wir um mehr Essen bitten. Er ist frustriert und wütend.»

 

Häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt stellt die häufigste Form der Gewalt gegen Frauen dar. Unter dem Begriff häusliche Gewalt fallen jegliche Formen physischer, sexueller und psychischer Gewalt durch eine bekannte Person im häuslichen Umfeld der Frau. Darunter fallen unter anderem Lebens- und Ehepartner, Familienmitglieder oder Erziehungsberechtigte minderjähriger Mädchen. Die oft monatelangen Ausgangssperren der Coronakrise haben diese Situation für Frauen auf der ganzen Welt enorm verschärft, wie im Falle der 12-jährigen Kabita (Foto).

Die schlimmste Konsequenz häuslicher Gewalt liegt im Tod der betroffenen Frau. Weltweit werden fast 3 von 5 getöteten Frauen von ihrem Partner oder einem Familienmitglied umgebracht (Stand: 2017). Dazu gehören auch die sogenannten Ehrenmorde und Mitgiftmorde, die in vielen Ländern noch eine gängige, kulturell verankerte Praktik sind.

World Vision überwacht und berät Eltern und ihre Kinder im Bezug auf eine positive und gewaltfreie Erziehung und gibt Workshops zur Sensibilisierung. Zusätzlich bietet World Vision  Schutzzonen für Kinder und Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden. So kann früh die Basis für eine gewaltfreie Zukunft der Kinder und ihrer Nachkommen geschaffen werden.

 

Indien: Ein Mädchen mit hochgebundenen Haaren schaut aus dem Fenster. Ihr Gesicht ist nicht zu erkennen.Vor fünf Jahren wurde die 18-jährige Pranitha aus Delhi von einem Mann aus ihrer Nachbarschaft sexuell belästigt und missbraucht. Dank World Vision fand sie einen Weg zurück in ein normales Leben und geht inzwischen wieder zur Schule.

 

Sexualisierte Gewalt

Weltweit leben rund 1,1 Milliarden Frauen immer noch ohne gesetzlichen Schutz vor sexueller Gewalt (Stand: 2017). Sexuelle Gewalt lässt sich unterscheiden in Vergewaltigung bzw. versuchte Vergewaltigung und sexuelle Belästigung. Sexuelle Belästigung beschreibt sexuelle Gewalt jenseits einer (versuchten) Vergewaltigung, wie beispielsweise anzügliche Bemerkungen, Grapschen oder Entblössung gegenüber einer Person. Rund 15 Millionen Mädchen und Frauen zwischen 15 und 19 Jahren wurden bereits mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt.

Nicht nur im häuslichen Bereich spielt sexualisierte Gewalt gegen Frauen eine grosse Rolle. In kriegerischen Konflikten wird sexualisierte Gewalt wie eine Waffe zur Einschüchterung des Feindes angewandt. Auch Frauen und Mädchen auf der Flucht sind vermehrt sexueller Gewalt ausgeliefert. 

Wo es nur geht, versucht World Vision Gerechtigkeit zu schaffen und jungen Frauen und Mädchen nach einem Missbrauch den Weg zurück in ein normales Leben zu erleichtern. So auch für die heute 18-jährigen Pranitha aus Delhi (siehe Foto). Vor fünf Jahren wurde das Mädchen von einem Mann aus ihrer Nachbarschaft sexuell belästigt und missbraucht. Pranitha und ihre Mutter wurden von World Vision Mitarbeitenden und einem Kinderschutzkomitee sensibilisiert und dabei unterstützt, vorläufige Entschädigung, eine unterstützende Genesung und Gerechtigkeit zu erhalten.


Südsudan: Ein Mädchen in Schuluniform hält mit einer Hand einen Ball in die Kamera und lächelt.Nach der Schule geht Maria aus dem Südsudan in die World Vision-Kinderschutzzone und spielt am liebsten mit ihren Freunden.

 

Zwangsverheiratungen

Die Gründe für Zwangsehen junger Mädchen sind vielfältig und werden häufig durch äussere Bedingungen wie Armut, Hunger und Konflikte bedingt und verschärft. Für die jungen Mädchen bedeutet das in der Regel, dass sie viel zu früh erwachsen werden müssen. Sie werden sehr jung schwanger und können nicht mehr in die Schule gehen. Fast 4 von 10 Mädchen in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara wurden bereits vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet.   

Um Zwangsverheiratungen langfristig zu verhindern, errichtete World Vision im krisengeschüttelten Südsudan mehrere Kinderschutzzonen. Dort haben Kinder die Möglichkeit, sich von den Auswirkungen des Konfliktes zu erholen, Lösungen für die Vertreibung zu finden und sich gegen psychische Belastungen zu wappnen. Das Projekt konzentriert sich auf die Prävention und den Schutz vor den Folgen durch Konflikte, Kinder- oder Zwangsheirat, Gewalt in der Partnerschaft und der Vernachlässigung von Kindern. 

Die 13-jährige Maria (siehe Foto) besucht die Kinderschutzzone regelmässig. Sie berichtet: «Die Mädchen in der Gemeinde werden früh verheiratet. Die Situation verschlimmerte sich während der Covid-19-Pandemie. Ich habe miterlebt, wie ein junges Mädchen, das ich kenne, verheiratet wurde, und das hat mich sehr mitgenommen. Ich habe mir oft Sorgen gemacht, wann ich an der Reihe sein würde.»


Kenia: Zwei Hände, in denen ein altes Messer und eine Rasierklinge liegen. Ein Blick auf die Instrumente, mit denen Beschneidungen durchgeführt werden, machen klar, warum die gesundheitlichen Folgen für die jungen Mädchen so fatal sind.  

 

Genitalverstümmelung

Offiziell ist die weibliche Genitalverstümmelung, auch FGM (Female Genital Mutilation) bereits seit 10 Jahren verboten. Trotzdem wird sie immer noch in über 30 Ländern praktiziert und gehört dort zu einem kulturell fest verankerten Ritus. In den meisten dieser Länder werden die Mädchen vor dem 5. Lebensjahr beschnitten. Besonders fatal für die Frauen sind die physischen und psychischen Langzeitfolgen dieser Praktik.

So auch bei Binta aus Mali, die mit 10 Jahren beschnitten wurde. Nach der Beschneidung konnten ihre Blutungen lange nicht gestoppt werden. Alle Versuche, die Wunde zu heilen, schlugen fehl. Bis heute hat Binta starke Schmerzen, die ihr das Laufen und das Leben erschweren. Lies hier Bintas ganze Geschichte.

In Bintas Heimat Mali führt World Vision Sensibilisierungskampagnen durch und konnte so bereits Frauen, die einst Beschneidungen durchgeführt haben, davon überzeugen, ihre Tätigkeit zu beenden. In Kenia etablierte World Vision Dialogforen zur Sensibilisierung für Männer. Dort erfahren Ehemänner, Väter und solche, die es werden wollen, welche Auswirkungen Genitalverstümmelung und Kinderheirat auf ihre Töchter haben. Sie werden ermutigt, sich gegen diese Praktiken einzusetzen und ihr Wissen in ihre Gemeinden zu tragen.

 

 Indien: Das Profil eines Mädchens mit buntem Kopftuch, ihr Gesicht liegt im Schatten.Die 18-jährige Samira wurde von ihrem Schwager verschleppt und verkauft. Sie ist jetzt wieder bei ihrer Familie in Westbengalen.

 

Prostitution & Menschenhandel

72% aller Opfer von Menschenhandel weltweit sind Frauen und Mädchen. Menschenhandel und Prostitution gehen für die jungen Frauen dabei meist einher. Die Familien der Mädchen können sich die Ausbildung und Versorgung ihrer Töchter nicht mehr leisten und schicken sie fort, damit sie zusätzliches Geld für die Familie verdienen. Die Menschenhändler verstehen sich sehr gut darin, ihren Opfern falsche Versprechungen zu machen und sie so in die Prostitution zu zwingen. 

Das war auch bei der 18-jährigen Samira (siehe Foto) der Fall. Ihr wurde von ihrem Schwager eine Arbeit mit gutem Einkommen versprochen, stattdessen verkaufte er sie an einen Menschenhändler, der sie in den Bordellen Mumbais zur Prostitution zwang. Samira berichtet von ihren Erfahrungen: «Nur, wenn ich arbeitete, bekam ich etwas zu essen. Sie schlugen mich mit Gürteln - die Bordellbesitzer und sogar die Kunden - wenn ich mich weigerte zu arbeiten. Ich wurde gezwungen, Bier und Alkohol zu trinken. Sie verbrannten meine Hände mit Zigarettenstummeln. Ich weinte viel und flehte sie an, mich nach Hause gehen zu lassen.» Bei einer Polizeirazzia konnte Samira sich befreien.

Die physischen und vor allem psychischen Folgen einer solchen Erfahrung sind verheerend. Dank einer World Vision-Beraterin für Wiedereingliederung im Programm zur Unterstützung von Überlebenden des sexuellen Kinderhandels, fand Samira wieder zurück ins Leben. Nun bereitet sie sich auf eine Ausbildung vor.

Frauen und Mädchen sollen sich zu jeder Zeit ihres Lebens frei entfalten können, ohne Angst vor Gewalt und Missbrauch haben zu müssen. World Vision tut alles dafür, um derartige Gewalttaten zu verhindern und um Mädchen und Frauen mit Gewalterfahrungen wieder ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Unterstützen sie uns dabei und machen Sie jungen Mädchen und Frauen als Kindheitsretter eine behütete und friedliche Kindheit ohne Gewalt möglich.

 

 

 

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