Der erste Schritt in eine unabhängige Zukunft für Mary und Sunday

10. Dezember 2021

Südsudan: Ein Mädchen in gelbem Oberteil sitzt auf einem Fahrrad mit drei Rädern im hinteren Teil. Die Pedale ersetzen das Lenkrad und werden mit den Händen betrieben.

Endlich unabhängig. Seit Mary ihr Dreirad hat, kann sie sich frei und unabhängig bewegen.

 

Text: World Vision Schweiz

Die 14-jährige Mary kann nicht laufen. Ihr Vater Martin, 35, sagte, Mary sei eine Frühgeburt gewesen und habe erst im Alter von zwei Jahren krabbeln und laufen können. Als kleines Kind erkrankte sie an Malaria – der Grund für ihre Beeinträchtigung.

«Als Vater habe ich alles getan, um meine Tochter wieder laufen zu sehen, aber ohne Erfolg. Ich habe sogar mein Motorrad für ihre Behandlung verkauft, aber das hat nicht funktioniert", erinnert sich Martin.


Südsudan: Ein junges Mädchen in gelbem Oberteil kniet auf dem Boden und bewegt sich. Bevor Mary ihr Dreirad erhielt, bewegte sie sich auf ihren Knien krabbelnd fort oder wurde von ihrem Vater getragen. 

 

Mary erzählt: «Aufgrund meines Zustands bin ich immer auf die Unterstützung meiner Eltern angewiesen(...). Wenn sie den ganzen Tag auf der Farm sind, bin ich bewegungsunfähig, bis sie wieder zu Hause sind. Ich führe ein Leben voller Selbstmitleid. Manchmal stelle ich mir vor, eines Morgens aufzuwachen und allein gehen zu können. Andere Kinder machen sich über meinen Zustand lustig, was mich dazu bringt, mein eigenes Leben zu hassen.»

Marys Vater fällt es schwer, seine Tochter leiden zu sehen: «Ich spüre den Schmerz meines Kindes. Jedes Mal, wenn ich sie ins Krankenhaus trage und sie leise fragt: 'Baba, bist du müde?' Es bricht mir das Herz, aber ich kann nichts tun», fügt Martin hinzu.

 

Ein Dreirad für Mary und Sunday

Um beeinträchtigten Menschen wie Mary den Zugang zu der für sie enorm wichtigen Gesundheitsversorgung zu erleichtern, unterstützt World Vision mit Mitteln aus dem Health Pooled Fund (HPF) 75 Gesundheitseinrichtungen in West-Äquatoria. Diese Einrichtungen wurden so umgebaut, dass sie auch für Menschen mit Behinderungen zugänglich sind.

Mary erhielt ausserdem von World Vision ein eigens für ihre Beeinträchtigung konzipiertes Dreirad. Vor der Übergabe des Dreirads stattete World Vision-Sozialarbeiter John Nduguyo Mary mehrere Besuche in ihrem Haus ab, um sie psychosozial zu unterstützen und ihr das Dreiradfahren beizubringen.

«Die Besuche und die Unterstützung von World Vision gaben mir das Gefühl, wertgeschätzt und umsorgt zu werden. Das Dreirad erfüllt mir einen grossen Traum. Am Anfang hatte ich Angst, aber nach mehreren Trainings mit John fühlte ich mich wohl, als hätte ich meine Beine wieder», fügt Mary hinzu.

 

Südsudan: Ein junges Mädchen sitzt auf einem grossen Dreirad, welches sie mit ihren Händen betreibt. Hinter ihr hält ein lächelnder Mann ihre Rückenlehne.Marys Vater Martin muss seine Tochter nun nicht mehr tragen und freut sich über ihre neu gewonnene Freiheit.

 

Marys Vater ist erleichtert und glücklich: «Ich bin World Vision dankbar, dass sie meiner Tochter ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Ich kann jetzt an ihrer Seite gehen, wenn sie alleine ins Krankenhaus fährt oder wo auch immer sie hin muss.»  

Auch die 20-jährige Sunday, eine Mutter von zwei Kindern erhielt eines der Dreiräder. Seit ihrem sechsten Lebensjahr muss sie mit ihrer Behinderung leben. «Normalerweise spielte ich mit meinen Freunden und half meiner Mutter beim Wasserholen, aber eines Morgens wachte ich auf und stellte fest, das etwas nicht stimmt. Ich war lange Zeit nicht in der Lage, das zu akzeptieren. Ein Krüppel zu sein ist schwierig, vor allem, wenn man aus einer armen Familie stammt», sagt sie.

 

Südsudan: Eine junge Frau sitzt mit einem Baby auf dem Schoss auf dem Boden und hält einen Stickrahmen mit pinkem Stoff in den Händen.Sunday hat gelernt, das beste aus ihrer Situation zu machen: «Ich habe von meinen Geschwistern gelernt, wie man Bettlaken näht, und so haben wir unseren Lebensunterhalt verdient. 

 

Ein Alltag geprägt von Stigmatisierung und Ignoranz

Oft werden Menschen wie Mary und Sunday in ihren Gemeinden stigmatisiert und vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Sunday berichtet von ihren Erfahrungen: «In meiner Gemeinde wird Menschen mit Behinderungen keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Oft werden wir als nutzlos angesehen.», fügt sie hinzu.

Sundays Geschwister sind bereits verheiratet und ausgezogen. Sie ist das einzige Kind ihrer Familie, dass noch bei ihren Eltern lebt, denn sie ist auf Unterstützung im Alltag angewiesen. Vor allem die Gesundheitsversorgung stellte für Sunday eine grosse Herausforderung dar. Für den Weg in die 20 Minuten entfernte Gesundheitseinrichtung musste sie ein Motorrad mieten und war darauf angewiesen, dass der Fahrer sie trug.

Dank World Vision wurde Sundays Wunsch nach einem Dreirad erfüllt: «Mit dem Dreirad fühle ich mich genauso wie die anderen Menschen. Wenn mein Sohn Given krank ist, ist es jetzt einfach, Medikamente zu besorgen. Ich plane jetzt, ein Geschäft auf dem Markt zu eröffnen.»


Südsudan: eine sitzende junge Frau mit einem kleinen Kind auf dem Schoss, wird von einer Krankenschwester von hinten an der Rückenlehne geschoben.Über die neu gebaute Rampe kann Sunday mit ihrem Dreirad nun ganz entspannt von einer Krankenschwester in das Gesundheitszentrum geschoben werden.

 

In der gesamten Region wurden 430 Mädchen mit Fahrrädern ausgestattet, 20 von ihnen bekamen Dreiräder. Der World Vision-Projektmanager Stephen Leonard Epiu freut sich über die positiven Effekte des Projektes: «Die Initiative zur Gleichstellung der Geschlechter und zur sozialen Eingliederung im Rahmen des HPF war äusserst wichtig, um sicherzustellen, dass die Bedürfnisse dieser einst vernachlässigten Gruppe endlich berücksichtigt werden.»

Menschen mit Behinderung haben wie alle Menschen ein Recht auf ein selbst­bestimmtes, unab­hängiges Leben und dürfen nicht vergessen werden. Mit unserer Arbeit ist uns daran gelegen, Diskriminierung und Stigmatisierung ein Ende zu bereiten. Wir wollen Menschen wie Mary und Sunday eine Stimme geben und grundlegende Menschenrechte wie ein barrierefreier Zugang zu Gesundheitseinrichtungen für alle gleichermassen gewährleisten. Unterstützen Sie uns dabei als Patin oder Pate. 

 

 

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