COVID-19: erhöhtes Risiko der Gewalt gegen Kinder

2. April 2020

Ein Mädchen blickt nachdenklich in die Kamera.

DIE AKTUELLE SITUATION UM DIE COVID-19-EPIDEMIE BIRGT EIN ERHÖHTES RISIKO VON GEWALT GEGEN KINDER.

Text: Simon Lewchuk, Senior Policy Advisor für Kinderrechte- und schutz bei World Vision Kanada und Silvia Holten, World Vision Deutschland

Wie fast überall auf der Welt hat das Corona Virus die täglichen Routinen durcheinandergewirbelt. Viele arbeiten nun im Home Office. Bei unseren Kindern stellen wir fest, dass die anfängliche Freude über verlängerte Ferien allmählich schwächer wird. Sie vermissen ihre Freunde, Spiel und Spass und sogar die Schule. Wir sprechen mit unseren Eltern über das Telefon oder über mit Hilfe der neuen technischen Möglichkeiten, wie WhatsApp, Skype, Microsoft Teams oder Zoom. Gott sei Dank gibt es sie. 

Die World Vision-Mitarbeitenden, die von Zuhause aus arbeiten können, machen dies. Dennoch sind wir weiterhin mit den internationalen Kollegen in engem Kontakt, besprechen Einsatzpläne in unseren Projekten und Erfahrungen der Kollegen im Umgang mit Seuchen. Unsere chinesischen Kollegen berichten über ihre wertvollen Erkenntnisse mit dem Virus und wie es ihnen gelang, die Epidemie einzudämmen. Auch unsere Mitarbeiter aus der Demokratischen Republik Kongo (DRC) können gute Erkenntnisse beisteuern. Gerade wurde hier die Ebola-Epidemie für beendet erklärt. 

COVID-19 in Katastrophengebieten
Dennoch bleiben die Sorgen, besonders für die Kinder in den besonders gefährdeten Regionen. Im Osten Kongos kämpfen unsere Kollegen gemeinsam mit den Menschen vor Ort gleichzeitig gegen eine Masern-Epidemie. Weiterhin tobt der Bürgerkrieg in der Region. In den Flüchtlingscamps in Syrien, Jordanien, Bangladesch oder auch in Südamerika leben die Menschen auf engstem Raum zusammen. Distanz zu halten, ist hier unmöglich. In Indien haben die Tagelöhner aufgrund der verordneten Quarantäne in den Städten nichts mehr zu tun und machen sich auf den Heimweg in ihre Dörfer, tragen so das Virus weiter in entlegene Gegenden. Viele Länder in Afrika, etwa Simbabwe im Süden oder Kenia im Osten haben weiterhin mit Hungersnöten, Dürren oder immer noch mit der Heuschreckenplage zu tun. Diese Katastrophen sind völlig aus den Medien verschwunden. Dennoch betreffen sie die Menschen und ganz besonders die Kinder, die wir vor Ort unterstützen. Was passiert, wenn sich das Virus weiter in solche fragilen Länder und Regionen ausbreitet?

Auf die Auswirkungen in fragilen Kontexten vorbereitet sein
Wir von World Vision sind zutiefst besorgt über die Auswirkungen, die die Pandemie auf die am stärksten gefährdeten Kinder haben wird: auf Kinder mit geschwächtem Immunsystem und/oder in Armut, in überfüllten städtischen Slums und Flüchtlingslagern oder in Konflikt-, Gewalt- und besonders heiklen Situationen, in denen die Regierungssysteme und die Grundversorgung im besten Fall eingeschränkt sind.  

Der Schatten von zwei Personen auf vertrocknetem Boden.COVID-19 VERSCHÄRFT UND SCHAFFT NEUE GEFAHREN: NIRGENDWO TRIFFT DIES MEHR ZU ALS IN DEN FRAGILSTEN KONTEXTEN DER WELT.

In den entwickelten Ländern als auch an den schwierigsten Orten der Welt wird jetzt viel Aufmerksamkeit darauf verwendet, ob die Gesundheitssysteme den Zustrom bewältigen können, ob es genügend Vorräte und Beatmungsgeräte gibt und ob die Tests schnell genug hochgefahren werden können. 

Doch so entscheidend diese Bedenken auch sind, gibt es noch andere wichtige Auswirkungen von COVID-19. Sie erfordern dringend unsere Aufmerksamkeit. Die aktuelle Situation birgt ein erhöhtes Risiko von Gewalt gegen Kinder.

Da die Regierungen Millionen von Menschen auffordern, zu Hause zu bleiben und Schulen und öffentliche Räume zu schliessen, um die Verbreitung der Corona Epidemie einzudämmen, werden Kinder, insbesondere die am stärksten gefährdeten, einem erhöhten Risiko von psychischem Stress, Gewalt und sozialer Ausgrenzung ausgesetzt sein.

Erfahrungen aus der Ebola-Epidemie
Krisen wie COVID-19 verschärfen sowohl die bestehenden Gefahren, schaffen aber auch neue. Nirgendwo trifft dies mehr zu als in den fragilen und konfliktbeladenen Kontexten der Welt ¬- den schwierigsten Orten, an denen man leben kann.

Die jüngsten Erfahrungen mit Ebola in Westafrika und der Demokratischen Republik Kongo sind Beispiele für die verheerenden Auswirkungen, die Notlagen im Bereich der öffentlichen Gesundheit auf besonders verletzliche Menschen haben können. Diese Krise ging mit einer Zunahme von Missbrauch, sexueller Ausbeutung, Zwangsheirat, Kinderarbeit und verschiedenen anderen Formen der Gewalt gegen Mädchen und Jungen einher.

Die Gründe für diese Zunahme der Gewalt sind vielfältig und gut dokumentiert. Kinder wurden unbegleitet und von ihren Eltern und Betreuern getrennt, weil diese starben, krank wurden oder ins Krankenhaus mussten. Massnahmen zum Schutz von Kindern wurden entweder verzögert oder nicht ausreichend integriert.

Im Osten der DRC - einer Region, die seit Jahren in einem Teufelskreis von Konflikten und Gewalt gefangen ist - haben wir erlebt, wie Mädchen und Jungen von ihren Familien getrennt wurden, Betreuer verloren und stigmatisiert wurden. Aktivitäten wie der Schulbesuch, Treffen mit Freunden mussten durch Quarantäne-Massnahmen eingestellt werden. Viele Kinder, die wir befragten, sagten uns, dass sie sich dadurch traurig, isoliert und gestresst fühlten.

«Ich bin immer sehr traurig, denn es ist Papa, der alles für uns getan hat. Er hat unsere Schulgebühren bezahlt. Er brachte uns immer Essen und Kleidung. Aber heute wissen wir nicht mehr, wie wir überleben sollen», sagt die 10jährige Happy. 

Schulen helfen, Kinder zu schützen
Viele Regierungen haben als Reaktion auf die Pandemie nun Schulen geschlossen. Weltweit sind davon etwa 80 Prozent der Schüler betroffen.  

Bangladesch: Die verschlossenen Türen einer Schule.DER SCHULBESUCH KANN DEN KINDERN EIN GEFÜHL VON SICHERHEIT GEBEN. AUCH DIESE SCHULE IN MITHAPUKUR, BANGLADESCH, BLEIBT WÄHREND DEM LOCKDOWN GESCHLOSSEN.

So wichtig diese Massnahmen für die «Abschwächung der Kurve» auch sind, sie nehmen den Mädchen und Jungen das weg, was wesentlich für ihre Entwicklung und ihre sozialen Aktivitäten ist. Die Forschung zeigt, dass Bildung den Kindern ein Gefühl von Sicherheit, Normalität und Hoffnung für die Zukunft vermitteln kann; dass sie ein mächtiger Faktor ist, um Kinderheirat und andere Formen von Gewalt zu verhindern; dass Schulen eine wesentliche Plattform für Kinder sind, um ihre Rechte kennen zu lernen und ihre Handlungsfähigkeit auszuüben; und dass sie entscheidend ist, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern und Frieden und Versöhnung zu unterstützen. Darüber hinaus können Lehrer oft die erste Anlaufstelle für Kinder sein, die Gewalt erfahren haben. Der Schulbesuch kann den Kindern ein Gefühl der Sicherheit vermitteln; ein Ort, an dem sie weiterhin Kinder sein, lernen und Kontakte knüpfen können. 

Während der Stillstand im Rahmen der Bekämpfung der Seuche eine Menge praktische Herausforderungen für Schüler, Betreuer und Pädagogen darstellt, werden viele Schüler – besonders in den ärmsten Regionen und Konfliktländern - das Schuljahr wiederholen müssen. 

Massnahmen zum Schutz der Kinder sind jetzt essenziell 
Auch wenn alle Massnahmen nun darauf ausgerichtet sind, die Ausbreitung des Virus einzudämmen, müssen wir gleichzeitig aktiv werden, um Gewalt gegen Kinder inmitten der COVID-19-Pandemie zu verhindern. Gewalt ist eine Verletzung der Rechte von Kindern, sie beeinträchtigt die Gesundheit und das Wohlbefinden von Mädchen und Jungen, schränkt ihr Potenzial ein und führt zu einem Kreislauf weiterer Gewalt und geschlechtsspezifischer Ungleichheit.

Gewalt gegen Kinder zu beenden ist eine der wichtigsten Massnahmen von World Vision. Weltweit unterstützen wir Gemeinden im Kampf und den Umgang mit der Corona-Epidemie. So fördern wir Massnahmen, damit sich das Virus nicht weiter ausbreitet und stärken Gesundheitssysteme. Wir führen Schulungen durch, damit Pfleger und Krankenschwestern lernen, wie sie Kinder schützen können oder wie sie erkennen, dass Kinder gefährdet sind. Unsere Mitarbeitenden werden darin sensibilisiert, wie sie Vernachlässigung, Missbrauch, sexuelle Gewalt und Kinderarbeit erkennen und wie sie mit Kindern sprechen können, die Gewalt erfahren haben. Wir dürfen Gewalt gegen Mädchen und Jungen nicht als zweitrangig behandeln und müssen alles dafür tun, dass sie geschützt werden.

Zusammen gegen COVID-19: Die ganze Welt erlebt derzeit eine Ausnahmesituation. Für uns verändert sich der Alltag drastisch, aber für die Ärmsten dieser Welt bedeutet der Ausbruch eine Katastrophe. Auch Sie können helfen!

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