Bolivien: Jugend gegen Gewalt

4. April 2020

Bolivien: Ein Mädchen lacht in die Kamera und macht mit den Händen das Victory-Zeichen.

DIE 15-JÄHRIGE NOEMÍ WEISS, WIE SIE SICH WEHREN KANN. ALS TEILNEHMERIN EINES WORLD VISION-JUGENDCLUBS KÄMPFT SIE GEGEN GEWALT AN MÄDCHEN UND FRAUEN.

Text: Amie Heath, Director of International Programs, World Vision Schweiz

«Wie viele von euch haben schon mal von TikTok gehört?» Diese Frage stelle ich einer Gruppe von 20 Mädchen, alle im Teenageralter. Wir befinden uns in Lomas, einer stadtähnlichen, inzwischen sehr grossen Ansiedlung, nahe der Stadt Cochabamba in den östlichen Ausläufern der Anden. Dort leben vor allem Menschen, die aus den bäuerlichen Bergregionen zugewandert sind, weil ihre Ernten nicht mehr zum Überleben reichten. 

Sofort schiessen alle Hände hoch und die Mädchen beginnen zu kichern. TikTok ist der Shootingstar unter den Social Media-Plattformen und vor allem bei einer jüngeren Altersgruppe zwischen 12 und 15 beliebt. Die jungen Leute tauschen sich dort über Video-Selfies aus. Das ist in Bolivien nicht anders als in der Schweiz. Sie erinnern sich vielleicht: Im Januar 2020 tauchten in Zürich auf eine öffentlich gepostete Einladung über 2000 Fans, viele davon Jugendliche auf. Das als Treffpunkt angegebene Einkaufszentrum Glatt wurde regelrecht überrannt. 

Bolivien: Eine Slum-Siedlung aus einfachen Hütten, die bis zum Horizont reicht. Im Hintergrund hohe Berge PROJEKT LOMAS: IN DIESEM SLUM FEHLT DIE INFRASTRUKTUR. WORLD VISION SCHWEIZ HAT LATRINEN FINANZIERT UND SETZT SICH FÜR DEN SCHUTZ DER KINDER EIN.

Jugendliche haben Rechte – ob in Zürich oder im Slum
Der Unterschied: Lomas ist ein Slum. Sauberes Wasser, Latrinen, Schulen oder Gesundheitsversorgung sind alles andere als selbstverständlich. Das Familieneinkommen beträgt im Allgemeinen zwischen 1.26 und 2.66 CHF pro Tag. Und die Bevölkerung wächst ständig weiter, da immer mehr Familien auf der Suche nach einem besseren Leben aus den ländlichen Gemeinden in die Stadt abwandern. World Vision setzt deshalb schon seit 2013 in Lomas ein Entwicklungsprojekt um, seit 2017 auch mit Beteiligung von Schweizer Patinnen und Paten. Spezielle Programme zum Schutz der Kinder stehen dabei besonders im Fokus.

Youth Ready: Ein Programm für die Jugend
Das Gespräch mit den Mädchen verlagert sich schnell auf die Gefahren solcher Online-Apps und das Internet generell. Die Jugendlichen erzählen zum Beispiel, wie viele von ihnen falsche Namen verwenden, um sich vor Online-Räubern, Cyber-Mobbing oder auch Frauenhandel zu schützen. 

Die Mädchen sind Teil einer von World Vision initiierten Jugendgruppe. Derzeit wird dort ein Programm namens «Youth Ready» durchgeführt, das gefährdeten Jugendlichen eine positive Lebensperspektive aufzeigt. Sie lernen dort, ihr Potenzial zu entdecken, ihre Zukunft zu planen und die Fähigkeiten zu entwickeln, die sie brauchen, um sowohl in der Arbeit als auch im Leben erfolgreich zu sein. 

Eine Frau umgeben von einer Gruppe junger Mädchen, alle schauen direkt in die Kamera.BESUCH IN EINEM JUGENDPROGRAMM IN LOMAS. SELFIE DER AUTORIN MIT DEN TEILNEHMERINNEN VON «YOUTH READY».

Was ist gefährlicher: Die Strasse oder das Internet?
Jemand fragt: «Was ist für Mädchen in Lomas wohl gefährlicher? Alleine auf der Strasse zu laufen oder online zu gehen?» Die meisten Mädchen antworten, das Internet sei viel gefährlicher. Es wird noch lange über dieses Thema hin und her diskutiert, bis sich eine ein Herz fasst und über ihre eigenen Erfahrungen mit Mobbing in der Schule spricht – sie erhält viel Zustimmung. Nachdem das Eis gebrochen ist, beginnt die Gruppe, konzentriert über physische und psychische Gewalt gegen Frauen und Kinder in Lomas zu sprechen – und über die verheerenden Auswirkungen. 

Geschlechtsspezifische Gewalt ist in Bolivien ein grosses Problem
Laut dem Bericht der Organisation Human Rights Watch von 2018  sind Frauen und Mädchen in Bolivien nach wie vor einem hohen Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt – obwohl das Gesetz seit 2013 umfassende Massnahmen zur Verhinderung und zur Verfolgung von Gewalt gegen Frauen vorsieht. 

Landesweit werden täglich 16 Kinder und Jugendliche Opfer aller Arten von sexuellem Missbrauch. Damit liegt Bolivien über dem weltweiten Durchschnitt. Gemäss dem Bericht der REPPEA (Reseau de Professionnels de Protection de l'Enfance et de l'Adolescence, 2016) werden weltweit 8 Prozent der Kinder vor dem 18. Lebensjahr Opfer von sexueller Gewalt. In Bolivien sind es 23 Prozent!

Resilienz, Selbstvertrauen und Know-how
Gegen diese Gewalt setzt sich das Youth Ready-Programm ein. Es nimmt Jugendliche mit auf eine zweistufige «Lebensfähigkeitsreise». In der ersten Phase werden die Jugendlichen in eine Gruppe aufgenommen und von erwachsenen Mentoren, Coaches und einem geschulten Moderator unterstützt. Sie lernen Einstellungen und Fähigkeiten in Bezug auf eine positive Selbstidentität, Gesundheit und Selbstfürsorge, finanzielle Bildung, Lebenskompetenzen und sozial-emotionale Intelligenz.

In der zweiten Phase weiten die Jugendlichen ihre Arbeit aus. Zusätzlich zum laufenden Coaching, Mentoring und zur Unterstützung durch Gleichaltrige arbeiten die Jugendgruppen jetzt an einem Netzwerk, das Entscheidungsträger und Schlüsselorganisationen mit einbezieht. Partner in der Gemeinde, der Regierung, dem privaten Sektor und der Zivilgesellschaft sorgen für die nötige Unterstützung und öffnen berufliche Chancen.

Am Ende der Gruppensitzung sind sich die Mädchen über eines im Klaren: Sie glauben an ihre eigene Stärke und eine Zukunft mit Perspektive – und sie werden diese Botschaft selbstbewusst nach aussen tragen.

Dieser Artikel entstand während eines Monitoring-Besuchs im Projekt Lomas. Im Zuge dessen, hat die Delegation von World Vision Schweiz auch an einer Fokusgruppe für das Programm «Youth Ready» teilgenommen. Das langjährige Entwicklungsprojekt wurde 2013 von Kanada gestartet, die Schweiz ist 2017 beigetreten. Das Projekt befindet sich in seiner 2. Phase und konzentriert sich auf Kinderrechte und Kinderschutz, Bildung, Lebensunterhalt sowie Gesundheit und Ernährung. 

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