Beirut: Und plötzlich war alles voller Glassplitter

7. August 2020

Libanon: Blick über das zerstörte Beirut nach der verheerenden Explosion.

Die Explosion hat grosse Teile der Hauptstadt Libanons in Schutt und Asche gelegt. Wie es zur verheerenden Explosion kam, ist noch nicht abschliessend geklärt.

Text: Tanja Zach, World Vision Österreich

Seit Oktober 2019 schlittert der Libanon von einer Krise in die andere: Fast 1,5 Millionen Flüchtlingen leben im Land, eine schwere Wirtschaftskrise in den vergangenen Monaten, dann die COVID-19-Pandemie und nun eine Explosion, die seine Hauptstadt in Stücke zerschmettert, fast 300‘000 Menschen obdachlos gemacht und mehr als 100 Menschen das Leben gekostet hat. Die Menschen stehen unter Schock und machen sich Gedanken über ihre Zukunft und die Zukunft der Kinder. Der laute Knall der Explosion hat alle verängstigt und die Szenen der Zerstörung werden die Menschen nie vergessen können.

Das sagen die Kinder Beiruts
Sirine, 12, ein Patenkind von World Vision, das in Beirut lebt, verglich die Ereignisse vom 4. August mit Krieg und dem Leben in Kriegsgebieten. «Was gestern geschah, war schlimmer als Krieg. Ich ging mit meinen Eltern auf der Strasse spazieren, als wir eine grosse Explosion hörten. Wir haben uns umgeschaut, ob es allen gut geht und haben einen älteren Mann gesehen, der bewusstlos unter Glasscherben lag», erinnert sie sich. «Alle sind auf dem Boden gelegen und überall war Glas. Alle Geschäfte um uns herum waren zerstört. Wir haben versucht, so vielen Menschen zu helfen, wie wir konnten.» Zu diesem Zeitpunkt dachte Sirine noch, die Schäden wären nur in dieser Strasse, daheim bot sich ihr aber ein anderes Bild. «Als wir nach Hause kamen, sahen wir, dass unser Haus auch zerstört und meine Schwester von Glassplittern verletzt wurde.»

Tia befand sich in Sicherheit, als das Geräusch der Explosion sie aufschrecken lies. «Ich hörte meine Nachbarn schreien und weinen. Ich habe nicht verstanden, was passiert ist. Als ich barfuss nach draussen ging, sah ich, wie alle schrien und weinten», sagt das 11-jährige World Vision-Patenkind. «Ich ging wieder hinein, um meine Schuhe anzuziehen. Niemand konnte mir erklären, was vor sich ging», erinnert sich Tia. Niemand wusste, was passiert war – weder ihre Familie, noch ihre Freunde oder Nachbarn. «Als ich meine Freunde traf, umarmten wir uns. Wir weinten alle, und wir verstanden einfach nicht, was los war und was passieren wird.»

Libanon: Bild eines zerstörten Autos und kaputten Strassen in Beirut.
In den Vororten von Beirut leben hunderte von syrischen Flüchtlingsfamilien. Die 12-jährige Marwa hätte sich nicht vorstellen können, dass sie im Libanon durch Lärm, der sich so ähnlich wie im Krieg anhörte, an die Kämpfe in ihrem Heimatland erinnert werden würde.  «In den ersten Minuten hatten wir Angst und Panik. Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Alles erinnerte mich an den Krieg damals in Syrien.»

Dina, fünf Jahre alt, hat den Krieg in ihrem Heimatland nicht miterlebt, aber dennoch brachte sie die gewaltige Explosion zu Tränen: «Ich spielte draussen mit meinem Freund, als unsere Eltern uns packten uns und ins Haus brachten. Sie hatten Angst, dass uns etwas passieren könnte oder wir von einer Bombe getroffen werden könnten. Ich habe geweint, weil ich Angst hatte. Gestern war ein schrecklicher Tag.»

Bei einer massiven Explosion, die Beirut am Dienstag erschütterte, wurden mehr als 130 Menschen getötet und 5’000 verwundet. Die Zahl der Toten und Verletzten nimmt weiter zu. Die Ursache der Explosion ist noch nicht abschliessend geklärt. World Vision ist seit Jahrzenten in Libanon tätig und arbeitet mit Assessment-Teams an möglichen Einsatzszenarien.
 

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