ZWEI TAGE IN MALI

23. Januar 2019

Mutter mit Kindern in Afrika

AMINATA FREUT SICH ÜBER DIE VERBESSERTE HYGIENE IN IHREM DORF. DIE GEFAHR, DASS IHRE KINDER WEGEN MANGELNDER HYGIENE KRANK WERDEN, IST DEUTLICH KLEINER GEWORDEN.

Das Wüstenland Mali, ein Land von atemberaubender Schönheit, gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Der westafrikanische Binnenstaat erstreckt sich im Norden bis tief in die dünn besiedelte Sahara. Anhaltende Dürrezeiten, Korruption, politische Unruhen und kriegerische Auseinandersetzungen sind im ganzen Land stark spürbar und erschweren gerade das Leben der ländlichen Bevölkerung zusätzlich. Weder durch diplomatische noch militärische Mittel konnten die Konflikte in Mali bisher beigelegt werden. Was übrig bleibt ist ein Land voller Misstrauen, Not und unfassbarer Armut. In Mali führt World Vision Schweiz zwei Entwicklungsprogramme durch: Diago und Neguela

Tag 1: Lesen in Mamaribougou
Heute ist ein Besuch im Programm Diago in Mali vorgesehen. Ausgangspunkt ist das Zonenbüro der Region Koulikoro in Kati, das ca. 40 Kilometer von der Hauptstadt Bamako entfernt liegt. Das Ziel ist das Dorf Mamaribougou. In Mamaribougou ist eine Haushaltsumfrage geplant, die über die Fortschritte im Programm Auskunft geben soll. Dazu besuche ich eine Familie aus der Projektregion unangemeldet und stelle einige Fragen zur Wirkung unseres Programms. 

Bei unserer Ankunft im Dorf wird der Dorfchef über unser Vorhaben informiert und um Erlaubnis gebeten – in Mali eine Frage des Respekts und unumgänglich. Mit seiner Erlaubnis können wir unangemeldet bei der Familie Diarra vorsprechen und unsere in einem Fragebogen vorbereiteten Fragen stellen. Stolz zeigt mir der Vater der Familie dabei auch die Geburtsurkunde seines Jüngsten. In Mali ist das anders als bei uns keine Selbstverständlichkeit, obwohl das Dokument für die Zukunft der Kinder extrem wichtig ist. Denn ohne Geburtsurkunde ist das Kind bei der Behörde nicht registriert und es hat keinen Anspruch auf die staatlichen Dienstleistungen wie Schulbildung, Gesundheitsvorsorge, Kinderschutz und vieles mehr.



STOLZ HÄLT SUNJES VATER DIE GEBURTSURKUNDE SEINES JÜNGSTEN KINDES. EINE GEBURTSURKUNDE ZU BESITZEN, IST NICHT SELBSTVERSTÄNDLICH. ABER WICHTIG!

Der Vater erklärt mir, wie die Familie zur Vorbeugung von einer Malariaansteckung imprägnierte Moskitonetze benutzt. Die Moskitonetze hat die Familie von World Vision geschenkt bekommen. Pro Jahr verteilt World Vision Schweiz ca. 1'000 Moskitonetze an die Gesundheitsstationen in der Projektregion, da es dem Staat häufig nicht möglich ist, für jedes Neugeborene ein Moskitonetz zu finanzieren. Seit die Mutter wieder schwanger ist, hat sie bereits zwei von vier vorgeburtliche Untersuchungen gemacht. Die Mütter in unseren Programmen werden fürs Thema Gesundheitsvorsorge sensibilisiert. Dadurch können sie erkennen, wie wichtig solche Voruntersuchungen für ihre Gesundheit und die ihrer Kinder ist. World Vision unterstützt die Gesundheitszentren, in denen diese Untersuchungen durchgeführt werden. 

Sunje, die älteste Tochter der Familie, geht in die sechste Klasse. Spontan entscheiden wir uns daher auch gleich die Lesefähigkeit des Mädchens zu testen. World Vision prüft regelmässig die Lese-und Verständnisfähigkeit von Fünft- und Sechstklässler zusammen mit den Lehrkräften aus verschiedenen Schulen. Die Leseproben für die Tests bekommen die Schulen von der Schulbehörde beziehungsweise vom Schulministerium. Sie bestehen aus Kurzgeschichten mit gezielten Verständnisfragen, worauf die Schülerin oder der Schüler Antwort geben soll. Als Einstieg zeige ich Sunje zwei Abschnitte, von denen sie einen auswählen und vorlesen darf. Nur mit Mühe kann sie die Sätze lesen. In einem solchen Fall beendet man die Leseprobe, um das Kind nicht unnötig blosszustellen und testet stattdessen, ob die Schülerin einzelne Wörter lediglich visuell wiedererkennt oder ob sie auch einzelne Silben zusammenfügen kann. Bei Sunje stellte sich heraus, dass ihre Lesefähigkeit nicht ihrem Alter entspricht. Sunje erhält zum Abschluss ein kleines Geschenk aus der Schweiz – unseren World Vision-Teddy – und wir besprechen mit den Verantwortlichen vor Ort, wie sich der Unterricht effizienter gestalten liesse.



BEI SCHULKINDER WIE SUNJE PRÜFT WORLD VISION REGELMÄSSIG, OB SIE LESEN KÖNNEN UND DAS GELESENE AUCH VERSTEHEN. DAS ENTZIFFERN DER WÖRTER FÄLLT SUNJE GAR NICHT SO LEICHT.

In fünf öffentlichen Schulen hat World Vision bereits in einem Pilotprojekt eingeführt, dass die Erst- und Zweitklässler in ihrer Muttersprache Bambara lesen lernen, bevor sie mit Französisch beginnen. Französisch ist die Verwaltungssprache in Mali. Seit Beginn des Pilotprojekts vor rund zwei Jahren hat sich die Lesefähigkeit der Schülerinnen und Schüler verbessert, da die Prinzipien der Leselernmethode (spielerisches Aneinanderreihen von Silben und Wörtern) nicht nur Spass macht und effektiv ist, sondern auch in den höheren Klassen angewendet werden kann. Die Lehrer sind begeistert von dieser sogenannten «unlock literacy»-Methode und überzeugt, dass dies der richtige Ansatz ist. Im Dorf von Sunje wird derzeit überprüft, ob die Methode dort ebenfalls eingeführt werden kann. Ziel ist, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler aus Mamaribougou den Übertritt in die Sekundarstufe schaffen und die Lehrer hochmotivierte Primarschüler unterrichten, die auch ausserhalb der Schule alles Geschriebene entziffern wollen und können.

Tag 2: Sauberes Dorf Macono
Am zweiten Tag besuche ich Macono, ein etwas abgelegenes Dorf. In Macono wurde eine Spargruppe gebildet, die an ihre Mitglieder Kleinkredite vergibt. Lamine, ein Gemüseanbauer, erzählt freudestrahlend, wie ihm die Spargruppe aus einer existenzbedrohenden Lage geholfen hat. Dank einem Kredit von 200 Franken konnte er kurzfristig seine mit Diesel betriebene Wasserpumpe reparieren. Ohne Spargruppe wäre dies nicht möglich gewesen und Lamine hätte grosse Einkommenseinbussen erlitten. Sein Feld trägt heute wieder reichlich gesunde, robuste Bitterauberginen. Lamine kann jetzt mit der Ernte die Bedürfnisse seiner Familie abdecken.



LINKS: LAMINE MIT SEINER REPARIERTEN WASSERPUMPE. RECHTS: JETZT KANN ER SEINE FELDER WIEDER AUSREICHEND BEWÄSSERN. DIE LEBENSGRUNDLAGE SEINER FAMILIE IST GESICHERT. 

Die Spargruppe erzählt mit Schwung und Elan, davon, was sie bereits bewirken konnte. Ich spreche mit den Mitgliedern auch über die verbesserte Hygiene im Dorf. Sie erzählen mir, dass die Hygieneschulungen und der Toilettenbau für jeden Haushalt positive Veränderung gebracht hat. Laut dem Zeugnis der Frauen, gehört die unhygienische und Krankheiten verbreitende Praxis, irgendeinen Platz im Dorf unter freiem Himmel als Toilette zu missbrauchen, der Vergangenheit an. Nicht nur die ältere Generation, sondern auch die jungen Leute wissen heute, wie wichtig das Händewaschen ist. Eine junge Mutter erwähnt sogar, dass sie nun auch beim Stillen auf die Hygiene achtet: Sie hält ihre Brust auch zwischen den Stillzeiten sauber, um zu verhindern, dass sich das Kind mit Keimen ansteckt und einen lebensbedrohenden Durchfall bekommt.

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