Text: World Vision Schweiz
Sie waren zu klein: Die Kinder von Kiu und Minh in Vietnam wuchsen nicht richtig heran. Sie waren unterentwickelt und schwach. Die kleinsten im Dorf, sagt Vater Minh. Ohne Plan, wie sie ihren Lebensunterhalt finanzieren sollen, hatten die Eltern eine Anstellung in der Stadt gesucht und ihre Kinder bei den Grosseltern im Dorf zurückgelassen. «Wir waren jung und unerfahren», sagt Minh. Die Kinder seien das wertvollste für sie. Sie hofften, dass es ihnen so am besten geht. Aber der Plan funktionierte nicht.
Den Grosseltern fehlten die Mittel, um die Kinder richtig zu ernähren. Sie kochten ihnen Haferbrei mit Ei. Doch das war einfach nicht nahrhaft genug. Als die Ärzte im Krankenhaus den Mangel diagnostizierten, mussten Kiu und Minh ihr Leben verändern – und viel über Ernährung lernen. Genau da setzt World Vision an.
Als einziger Mann unter Frauen
In einem Ernährungsclub von World Vision haben sich diverse Familien zusammengeschlossen, die von der Organisation unterstützt werden. Auch im Bezirk Thuong Xuan. Sie erfahren, was gutes Essen ist, welche Nährstoffe ein Kind braucht und welche Rezepte es gibt, um die Nährstoffe zu garantieren. Auch Minh besuchte den Club, zuerst gemeinsam mit Kiu, dann alleine – und als einziger Mann. Seine Frau verdiente das Geld weiterhin in der Stadt. Am Anfang sei er sehr schüchtern gewesen, aber dann schnell begeistert von den Informationen und Tipps, wie man einfach, gesund und lecker kocht, erzählt Minh. «Ich habe viel über Ernährung gelernt», sagt er. Über die Ernährungspyramide zum Beispiel, die Bedeutung von Fisch und Fleisch, wovon sie vorher noch nie etwas gehört hatten, sagt Kiu.
Im Ernährungsclub sieht Minh zum ersten Mal die Ernährungspyramide und weiss jetzt, welche Lebensmittel, wie wichtig sind.
Der Kurs zahlte sich aus: Beide Kinder nahmen zu, die Ärzte bestätigten, dass sie nicht mehr unterernährt waren. Um die Familie dauerhaft zu finanzieren und sich die Lebensmittel auch ohne den Job von Kiu leisten zu können, die noch immer in die Stadt pendeln musste, lernte Minh, einen Betrieb zu führen und selbstständig zu sein: mit Viehzucht.
Von Küken zum Tofu
Den Anfang machten 80 Hühner, die Küken hatte ihm World Vision zur Verfügung gestellt. Er erfuhr, wie man Hühner grosszieht, Futter zubereitet, die Tiere pflegt und impft. Alle Küken entwickelten sich prächtig, auch wenn ihm das viele im Dorf nicht zugetraut hätten, erinnert sich Minh heute und lacht. Geholfen hat ihm neben den Kursen ein Online-Chat, indem er jederzeit Fragen an die Gruppe stellen konnte – und bis heute kann. Auch ein Mitarbeiter von World Vision kommt regelmässig vorbei, schaut ihm über die Schulter und hilft bei Bedarf. Heute hat Minh 120 Hühner. Er verkauft Tiere, kauft neue hinzu und investiert das Geld in Expansion: mit Schweinen und Tofu.
Als COVID-19 ausbrach und viele Betriebe schliessen mussten, verlor auch seine Frau ihren Job in der Stadt. Die Familie hatte plötzlich kein Einkommen mehr. Minh hatte mit einem Kredit von der Bank gerade ein Schwein gekauft. Das bekam neun Ferkel. Einige verkauften sie jetzt und steckten das Geld in eine Maschine, womit sie Tofu für die Nachbarschaft produzieren. So haben sie sich ein Standbein aufgebaut, mit der sie sich auch in der Krise finanzieren.
Indem Minh damals entschied, zuhause zu bleiben, während seine Frau weiterhin arbeiten ging, konnte er sich nicht nur um seine Kinder kümmern und mit einem Ernährungsplan ihre Entwicklung sicherstellen. Er hat es auch geschafft, einen Betrieb aufzubauen und ein Haus zu errichten, das gross genug für die ganze Familie ist. «Vor dem Ernährungsclub von World Vision hätte ich nie gedacht, dass ich unseren Lebensunterhalt finanzieren kann, ohne mein Dorf zu verlassen», sagt er. Jetzt habe er die Kraft dafür. Das einzige, was ihm noch fehle, sei vielleicht etwas mehr Erfahrung. Aber daran arbeitet er.